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Lieber nichts davon wissen?: USA demontieren „weltweit fortschrittlichste“ Klimawandel-Messstationen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 4, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Lieber nichts davon wissen?USA demontieren „weltweit fortschrittlichste“ Klimawandel-Messstationen

04.06.2026, 19:37 Uhr

Von Roland Peters, New York
Eine-der-Messstationen-liegt-vor-der-US-Ostkueste-sie-soll-bis-kommendes-Jahr-abgebaut-sein-Das-Foto-stammt-von-der-Installation
Eine der Messstationen liegt vor der US-Ostküste, sie soll bis kommendes Jahr abgebaut sein. Das Foto stammt von der Installation. (Foto: OOI / NSF / Woods Hole Oceanographic Institution)

Wetterbeobachtung ja, Wissenschaft nein: Die US-Regierung baut ein hochmodernes Messsystem in den Weltmeeren ab. Für sie ist es offenbar Teil der „Klimawandel-Alarmindustrie“. Forscher, Aktivisten und Politiker kritisieren den Schritt.

Kaum jemand behauptet noch, den Klimawandel gebe es nicht. Aber wie er abläuft, das wollen die Vereinigten Staaten lieber nicht so genau wissen. Das Meeresbeobachtungssystem OOI gibt es seit zehn Jahren, es umfasst 900 Messgeräte in der Tiefsee an fünf Standorten im Atlantik und Pazifik. Nun baut die US-Regierung es wieder ab. Die Demontage des ersten Standorts vor der US-Westküste hat bereits begonnen, bald sollen Schiffe ausgesandt werden, um die dortigen Messinstrumente einzuholen.

Es ist ein weiterer Schritt des Weißen Hauses, der die Wissenschaft in den Vereinigten Staaten schwächt – und damit die weltweite Forschung und Erkenntnisse darüber, was angesichts der Klimakrise auf die Menschheit zukommt. Aber auch kurzfristig könnte der Zeitpunkt kaum ungünstiger sein. Die Wassertemperaturen der Ozeane liegen auf Rekordniveau. Die globalen Meeresströmungen verändern sich und damit das Weltklima. Zudem ist ein „Super El Niño“ angekündigt, der bis Februar 2027 vielerorts Extremwetter verursachen dürfte.

Die Daten werden von Forschern in aller Welt benutzt, auch von der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA. Die US-Institution betreibt unter anderem den nationalen Wetterdienst, hilft bei der Absicherung von Küsten angesichts des Klimawandels und stellt Daten für die Fischerei-Industrie zur Verfügung. Craig McLean, während der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump stellvertretender NOAA-Chefwissenschaftler, sieht ein Muster: „Dies spiegelt das anhaltende Unverständnis der aktuellen Regierung für den Wert und die Bedeutung der Wissenschaft wider“, zitiert ihn die „New York Times“. Die USA würden auf einen hinteren Platz in der globalen wissenschaftlichen Führungsrolle rücken.

Auch Weltklimarat nutzt die Daten

Weitere Forscher, Aktivisten sowie Politiker kritisierten den Schritt scharf. Senator Edward J. Markey etwa, ein Demokrat aus dem Bundesstaat Massachusetts, bezeichnete die Entscheidung die „Fortsetzung des Krieges der Regierung gegen die Wissenschaft“. Auf den bisherigen Daten haben bislang mehr als 500 wissenschaftliche Veröffentlichungen basiert. Auch der Weltklimarat IPCC verließ sich für seine Berichte auf Angaben des OOI. Ob die USA weiterhin ihre internationalen Zusagen über die Bereitstellung von Klimadaten einhalten können, ist unklar.

Das inoffizielle Regierungsprogramm „Project 2025“ der konservativen Heritage Foundation, an dem zahlreiche heutige Mitarbeiter von Trumps Regierung mitgeschrieben haben, empfiehlt gar die Zerschlagung der NOAA. „Viele ihrer Aufgaben sollten gestrichen, an andere Behörden übertragen, privatisiert oder der Kontrolle der Bundesstaaten und Territorien unterstellt werden“, heißt es darin. Die „kolossale Organisation ist zu einem der Haupttreiber der Klimawandel-Alarmindustrie geworden“ und schade „dem künftigen Wohlstand der USA“, schreiben die Autoren.

Bis kommenden Sommer sollen weitere drei Messstationen abgebaut werden, kurz vor Ende von Trumps Amtszeit schließlich die letzte verschwunden sein und nicht einmal die bisherigen Daten weiterhin zugänglich. Die Installation des Messnetzwerks hatte rund 370 Millionen Dollar gekostet und war für ein Vierteljahrhundert ausgelegt. Es wurde für den enormen Wasserdruck und hohen Salzgehalt in der Tiefsee entwickelt. OOI-Forschungschef Jim Edson nannte es im Mai das „weltweit fortschrittlichste, im Dauerbetrieb arbeitenden Meeresbeobachtungssystem“.

Feste und mobile Sensoren haben bislang Echtzeitdaten des Wassers, der Strömungen und damit Angaben darüber geliefert, wie die Ozeane das Weltwetter beeinflussen. Jede der fünf Messstationen ist verankert, ihre miteinander verkabelten Geräte liefern Daten über Strömungen und Wasserzusammensetzung von der Oberfläche bis Tausende Meter Tiefe; etwa darüber, wie die Meere den Treibhauseffekttreiber CO2 speichern. Ohne die Stationen braucht es für die Datenerhebung wesentlich teurere und kompliziertere Einzelmissionen.

Extremtemperaturen voraus

Durch den Klimawandel werden Extremwetterereignisse häufiger und aktuelle Messdaten umso wichtiger. „El Niño“ etwa ist ein natürlicher Zyklus, der alle zwei bis sieben Jahre auftritt, wenn sich der tropische Pazifik stark erwärmt. Er beeinflusst die Atmosphäre und verändert damit das weltweite Wetter. Zum „Super El Niño“ kommt es ab mindestens 2 Grad erhöhter Wassertemperaturen. Folgen können je nach Region Dürren, Hitzewellen und davon begünstigte Waldbrände oder ausbleibende Wasserversorgung sein, aber auch sintflutartige Regenfälle und anderes. Die stärksten El Niños ließen die Lufttemperatur weltweit um mindestens 2 Grad steigen. Diesmal könnte ein Rekordwert von über 3 Grad erreicht werden.

Der Betrieb des OOI kostet die USA rund 50 Millionen Dollar jährlich – angesichts der Größe des US-Haushalts und des internationalen Forschungsnutzens nicht mehr als Peanuts. Wie für NOAAs Forschungsabteilung versuchte Trumps Regierung mehrfach, die Finanzierung zu kappen, woraufhin der Kongress sie wieder sicherte. Nun wird das OOI schrittweise demontiert. Ob das Weiße Haus ein vom Parlament bewilligtes Projekt offiziell abschaffen darf, ist unklar, weil rechtlich höchst umstritten. Es in seiner Funktionsweise zu beschränken, ist wesentlich einfacher.

Neben den Daten geht potenziell auch Expertise verloren. Die Messung an diesen Standorten sei eine „enorme technische Herausforderung“, zitierte die „New York Times“ die Umweltwissenschaftlerin Hilary Palevsky vom Boston College. Mitarbeiter könnten nicht einfach ihre Notizen zurücklassen, und jemand anders mache damit eines Tages weiter: „Es gibt viel Fachwissen, das verloren gehen könnte.“

Quelle: ntv.de

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