Zwar wird in Gaza nur noch wenig gekämpft. Die Versorgung im Küstenstreifen ist dennoch schlecht – vor allem mit Medikamenten und Arzneigütern. Kliniken fehlt es an nahezu allem, von Hautcremes bis zur Chemotherapie.
Krankenhäuser sind Orte der Hoffnung. Die Al-Shifa-Klinik im Gazastreifen jedoch ist ein Ort des Mangels. Seit Jahren kollabiert in dem schmalen Küstenstreifen das Gesundheitssystem unter den Folgen von Blockaden und Zerstörung. Die medizinische Krise ist hier kein Ausnahmezustand mehr, sondern bittere Routine.
„Wir besitzen derzeit weder Geräte für die Kernspintomographie noch für die Computer-Tomographie“, sagt Hassan Al-Shaer, Direktor des Krankenhauses. Es gebe einen akuten Mangel an medizinischem Verbrauchsmaterial und Medikamenten, vor allem für Patienten mit chronischen Erkrankungen und Krebspatienten. „Wir haben nur etwa 15 Prozent der Medikamente für Chemotherapien, die zur Behandlung von Krebspatienten eingesetzt werden müssen.“
Es fehlt am Alltäglichen
Ein Krebspatient, der in diese Klinik kommt, hat schlechtere Überlebenschancen als andernorts. Doch es betrifft nicht nur die Hightech-Medizin. Es fehlt am Alltäglichen. An Dingen, die in jeder europäischen Hausarztpraxis selbstverständlich seien, sagt der Klinikchef im ARD-Interview.
„Derzeit herrscht ein akuter Mangel an allen Standarduntersuchungen. Letzte Woche konnten wir bei Patienten kein großes Blutbild erstellen. Diese Tests standen uns einfach nicht zur Verfügung.“
Kein Ende der medizinischen Not
Ein großes Blutbild unmöglich – ein Mangel, der kaum wahrgenommen wird. Denn offiziell herrscht eine Waffenruhe. Doch das Schweigen der Waffen bedeutet keineswegs das Ende der medizinischen Not. Der Eindruck einer beginnenden Normalisierung ist für den Mediziner eine gefährliche Fehlinterpretation der Lage.
„Leider glauben alle, dass während der Waffenruhe die Situation im Gazastreifen normal geworden sei. Aber ganz im Gegenteil: Alles, was hereinkommt, sind Nebensächlichkeiten und keine grundlegenden Dinge.“
Diskussion um „Dual-Use“-Güter
Doch warum kommen viele lebenswichtigen medizinischen Güter nicht an? Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen – kurz MSF – versucht täglich, Nachschub in den Gazastreifen zu bringen. Joan Tubau, Einsatzleiter von MSF in den palästinensischen Gebieten, beschreibt das bürokratische Nadelöhr an den Grenzen.
Oft geht es um Güter, die auch militärisch genutzt werden könnten, die auf einer sogenannten „Dual-Use“-Liste stehen. Diese Liste werde immer länger. „Sie wird bisweilen unterschiedlich ausgelegt – und ja, sie wächst einfach weiter, ohne dass man unbedingt eine konkrete Rückmeldung darüber erhält, warum bestimmte Dinge nicht zugelassen werden.“
Ganze Palette wegen einer Tube gestoppt
Tubau schildert, dass bereits eine kleine Tube Hautcreme reicht, um Transporte zu stoppen – nur weil 15 Prozent ihrer Inhaltsstoffe unter die Dual-Use-Regel fallen könnten. Ein winziges Detail mit fatalen Folgen.
Das könne dazu führen, dass eine ganze Palette an der Grenze gestoppt wird. „Es kann durchaus sein, dass diese Palette 500 Produkte enthält, von denen aber nur eines die besagte Creme ist; dennoch wird die gesamte Palette an der Grenze aufgehalten.“
Kaum Hoffnung auf Besserung
Während Hilfsgüter an den Grenzen im bürokratischen System steckenbleiben, kämpfen die Ärzte im Al-Shifa-Krankenhaus um das Leben ihrer Patienten. Hoffnung auf Besserung gibt es kaum. Denn im Gazastreifen ist die Krise längst keine Ausnahme mehr – der Mangel ist hier Dauerzustand.

