Neuer LangzeitrekordPatient überlebt neun Monate mit Gen-Schweineniere
Ein 66-Jähriger aus den USA erhält 2025 die Niere eines Minischweins. Neun Monate lang funktioniert das genveränderte Organ, ein neuer Rekord. Der Mann erhält schließlich eine Spenderniere. Aus Sicht von Ärzten macht dies Hoffnung.
Zum ersten Mal hat ein Mensch rund neun Monate mit einer Schweineniere überlebt. Zwar musste das Organ nach Komplikationen wieder entfernt werden, doch nach 82 Tagen an der Dialyse bekam der Patient dann eine menschliche Spenderniere, die der Körper ohne größere Probleme annahm. Wie die Bostoner Forschungseinrichtung Mass General Brigham mitteilt, überbrückte damit erstmals eine Schweineniere die Wartezeit auf eine menschliche Spenderniere.
Der Patient namens Tim Andrews war zum Zeitpunkt der Transplantation der Schweineniere 66 Jahre alt und hatte aufgrund von Typ-2-Diabetes eine Nierenerkrankung im Endstadium, wie die Gruppe um Leonardo Riella vom Massachusetts General Hospital in Boston in der Fachzeitschrift „The Lancet“ berichtet. Andrews hatte demnach wegen einer langen Warteliste in absehbarer Zeit keine Chance auf eine menschliche Spenderniere.
Die Beteiligten entschieden sich zu einer Xenotransplantation, also der Einsetzung eines Organs einer fremden Art. „Unsere Vision ist, dass die Xenotransplantation dazu beitragen kann, diese Lücke zu schließen – zunächst als Überbrückung, um Patienten von der Dialyse zu befreien, während sie auf eine menschliche Spenderniere warten“, erklärte Riella.
Perspektive: Dauerhaft in Patienten bleiben
Wenn die langfristige Sicherheit und Haltbarkeit von Schweinenieren im menschlichen Körper nachgewiesen sei, könnten sie womöglich auch dauerhaft im Patienten bleiben, so Riella. Bis dahin ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten. So starb der erste Patient, dem im März 2024 im Massachusetts General Hospital eine Schweineniere eingesetzt worden war, 52 Tage nach der Transplantation. Die Forscher betonen, dass der Patient an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung starb und dass sein Tod nicht im Zusammenhang mit dem Transplantat stand.
Tim Andrews erhielt die Schweineniere im Januar 2025. Sie stammte von einem Minischwein, das in einer speziellen Einrichtung frei von Krankheitserregern aufgezogen wurde. Am Erbgut des Schweins waren 69 genetische Änderungen vorgenommen worden, um zu verhindern, dass das menschliche Immunsystem die Niere als Fremdkörper erkennt und angreift. Dennoch registrierten die behandelnden Ärzte 14 Tage nach der Transplantation eine leichte Abstoßungsreaktion, die von T-Zellen, die zum erworbenen Immunsystem des Menschen gehören, ausgelöst worden waren.
Nach drei Monaten reduzierten die Ärzte die Dosierung der Medikamente zur Unterdrückung des angeborenen Immunsystems. Nach einem halben Jahr wurden Schädigungen in den Blutgefäßwänden der Niere sichtbar. Zudem musste eine Blutansammlung im Fettgewebe rund um die Niere chirurgisch entfernt werden. Wegen einer Bakterieninfektion des Patienten nach etwa 220 Tagen verringerten die Ärzte erneut die Unterdrückung des Immunsystems, woraufhin es zu Entzündungen in kleinen Blutgefäßen kam. Dies führte schließlich zum Versagen der Niere, die nach 271 Tagen wieder entfernt werden musste. Bis dahin musste der Patient nicht an die Dialyse.
Viele mögliche Empfänger
Nach 82 Tagen mit Dialysebehandlung erhielt Andrews im Januar 2026 eine menschliche Spenderniere. Ein halbes Jahr nach der Transplantation zeigten sich den Ärzten zufolge keine Anzeichen einer Abstoßungsreaktion. Sie folgern daraus, dass die Schweineniere die Transplantation einer menschlichen Niere nicht komplizierter gemacht hat. Es gab keine Hinweise darauf, dass Krankheitserreger vom Schwein auf den Menschen übertragen wurden.
„Die Studie lieferte wichtige Erkenntnisse zum Verständnis der immunologischen Abstoßungsmechanismen bei der Xenotransplantation“, erklärte Joachim Denner von der Freien Universität Berlin zur Studie, an der er selbst nicht beteiligt war. „Für zukünftige Studien könnte dies bedeuten, dass insbesondere in der frühen Phase nach der Transplantation eine intensivere Immunsuppression erforderlich ist.“ Bedeutsam sei zudem, dass es über den gesamten Beobachtungszeitraum von etwa neun Monaten keine Hinweise auf eine Übertragung von Schweineviren auf den Patienten gab.
„Aufgrund der sehr hohen Zahl von Patienten mit einer Nierenerkrankung im Endstadium und daraus resultierender Dialysepflicht ist die Xenotransplantation der Niere ein besonders relevantes Anwendungsgebiet dieser Technologie“, meint Moritz Schmelzle von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der ebenfalls nicht selbst an der Analyse beteiligt war. „Angesichts der langen Wartezeiten könnte eine Xeno-Nierentransplantation für ausgewählte Patienten künftig eine sinnvolle Therapiealternative darstellen.“
