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Plötzlich neue Regelauslegung: Warum das Tor von Tah nicht zählte und warum das fragwürdig ist

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 30, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Jonathan Tah trifft in der Verlängerung gegen Paraguay. Dann verliert Deutschland erst das Tor und am Ende das gesamte Spiel. Warum ein Eckball über das WM‑Schicksal des DFB entscheidet, und wieso der VAR-Eingriff vollkommen überraschend kommt.

Wie sich die Bilder doch gleichen: Erneut hadert der deutsche Fußball mit einer Schiedsrichterentscheidung. War es bei der Heim-EM 2024 in Stuttgart das Handspiel des Spaniers Marc Cucurella, ist es diesmal in Foxborough nahe Boston das vermeintliche Foulspiel des deutschen Verteidigers Waldemar Anton gegen den paraguayischen Keeper Orlando Gill.

In der 102. Minute entscheidet sich das DFB-Schicksal bei dieser WM. Jonathan Tah steigt nach einer Ecke hoch, erzielt das 2:1. Die Spieler Paraguays, ohnehin am Ende ihrer Kräfte, werden kaum zurückschlagen können. Die deutschen Ersatzspieler stürmen geschlossen auf das Spielfeld, Wasserflaschen fliegen auf das Feld. Das Achtelfinale ist erreicht.

Entscheidung: Gelb für Trainer, kein Tor

Wenig später sieht Bundestrainer Julian Nagelsmann, wie in der Schüssel in Foxborough die Fans Paraguays ihr Glück nicht fassen können. Jetzt schmeißen sie alles, was sie haben. in die Luft: Becher, Fahnen, ihre Hände. Schiedsrichter Jalal Jayed hat erst Rücksprache mit der Video-Assistentin Tatiana Guzman gehalten, dann auf die Bilder geblickt. Seine Entscheidung steht: Der deutsche Spieler mit der Nummer 3, der Dortmunder Verteidiger WaldemarAnton, hat im Vorfeld Torhüter Gill gefoult.

Die Wut ist so groß. „Das ist kein Skandal, das ist ein Voll-Skandal. Das ist nicht mal ansatzweise ein Foulspiel“, wütet Nagelsmann nach dem Spiel im ZDF. „Keine Ahnung, was der da gesehen hat. Das ist echt ein Witz.“ Später rudert er ein wenig zurück. Die Niederlage sei nicht an dieser Szene festzumachen, sagt er sinngemäß. Dennoch: Die Wut ist verständlich. Schatten-Bundestrainer Jürgen Klopp bringt sie bei Magenta auf den Punkt. „Wenn dieses Tor irregulär ist, wird Arsenal nicht englischer Meister. Wir gewinnen das Spiel, wenn der Ball drin ist“, sagt er.

Der Kern der Debatte

Klopp dringt dabei ohne Umschweife zur Kernfrage vor. Es ist eine Frage, die längst den Fußball in zwei Lager unterteilt. Es geht dabei um einen neuen, aus England kommenden Trend im Fußballsport: die Behinderung des Torwarts bei Eckbällen. Der englische Meister Arsenal hat das Konzept perfektioniert. In Deutschland beherrscht unter anderem Borussia Dortmund, das Team von „Übeltäter“ Anton, diese Technik.

Die Behinderung des Torwarts geschieht dabei fortwährend bei jeder Standardsituation. Die Spieler der angreifenden Mannschaft blockieren den Weg des Keepers, rauben ihm jede Bewegungsmöglichkeit, irritieren. Sie blocken aktiv, bewegen sich in die Räume, die der Keeper besetzen könnte. Die Angreifer sind nicht mehr nur passiv, sondern forschen aktiv nach möglichen Störmanövern.

„Die [Spieler] kommen oft aus deinem Rücken, du schaust erst zum Ball, bist eine halbe Sekunde abgelenkt, und dann kommst du vielleicht nicht mehr ganz ran“, sagte der Mainzer Torhüter Daniel Batz im Frühjahr 2026 nach einem 0:4 gegen den BVB über die neuen Herausforderungen des Torhüterdaseins.

Torwart hat weniger Schutz, eigentlich

Unzählige Tore erzielten die Arsenals und die BVBs dieser Welt damit in der abgelaufenen europäischen Spielzeit. Die neue Waffe im Vereinsfußball, passenderweise von den „Gunners“ aus London in der Welt des Fußballs populär gemacht, hat das Wesen der Standardsituationen von Grund auf verändert.

Möglich gemacht hat diesen neuen Trend eine Anpassung der Regelauslegung. Genossen die Torhüter früher Schutz im Fünfmeterraum, durften nicht angegangen werden, hat sich dies nunmehr dramatisch geändert. Der Torhüter ist nur ein weiterer Feldspieler. Während einige Teams den neuen Trend voll auskosten, gibt es zahlreiche kritische Stimmen, die wieder mehr Schutz für den Torhüter fordern. Die Frage, wie der Fußball damit umgehen will, ist bislang ungeklärt. Die Tendenz der abgelaufenen Spielzeit ist jedoch eindeutig.

Trotzdem keine Dolchstoßlegende

Als Waldemar Anton nun in dieser schicksalsträchtigen 102. Minute den Raum des Paraguay-Keepers Gill verkleinert, ihn, wie auf den Bildern gut zu erkennen ist, für einen kurzen Moment aus der Konzentration bringt, handelt er ganz natürlich. Dieses Verhalten hat er im Verein gelernt. Es ist auf Klub-Ebene erfolgreich, aber nicht unumstritten.

Die Rückkehr zur alten Regelauslegung während einer laufenden Fußball-Weltmeisterschaft, auf der allerhöchsten Bühne überhaupt also, kommt durchaus überraschend und rechtfertigt jede Wut. Zur erneuten Dolchstoßlegende taugt sie jedoch nicht.

Verwendete Quelle: ntv.de

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