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Startseite»Nachrichten»Rüdiger von Fritsch im Interview: „Opa war in der SS. Und er war ein guter Großvater. Das müssen wir aushalten.“
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Rüdiger von Fritsch im Interview: „Opa war in der SS. Und er war ein guter Großvater. Das müssen wir aushalten.“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 3, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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Rüdiger von Fritsch im Interview„Opa war in der SS. Und er war ein guter Großvater. Das müssen wir aushalten.“

Das Publikum der sogenannten Sportpalastrede von Propagandaminister Goebbels jubelte, als dieser 1943 den „totalen Krieg“ ausrief. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Der frühere deutsche Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, hat ein sehr lesenswertes Buch über „die Geschichte in mir“ geschrieben, die zugleich die Geschichte in uns allen ist: eine Familiengeschichte zwischen Nationalsozialismus, Krieg und Vertreibung. Von Fritsch, dessen Vater sich zeitlebens als „glühender Nationalsozialist“ bezeichnet hat, plädiert für einen ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit. „Nur so können wir uns mit uns selbst versöhnen und versöhnt mit anderen leben.“

ntv.de: Herr von Fritsch, Sie haben ein Buch über die bewegte Geschichte Ihrer Familie geschrieben. Ausgangspunkt ist Plonian, das alte Familiengut im heutigen Litauen, das lange hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden war. Für Sie wurde es zum Sehnsuchtsort, obwohl Sie es gar nicht kannten. Wie kam es dazu?

Rüdiger von Fritsch: Genau aus diesem Grund – weil Plonian für immer verschwunden zu sein schien. Für mich symbolisierte das Gut zweierlei gleichzeitig: eine scheinbar wunderbare, friedliche Vergangenheit – und die unwiederbringliche Geschichte der Deutschen aus dem Baltikum. Meine Mutter hatte mit dieser Vergangenheit abgeschlossen. Plonian war weg, ihre Heimat war Teil der Sowjetunion und jeder wusste: Das wird nie wieder zurückkommen. Das war völlig anders als die Erzählung des anderen Familienstrangs, die mir mitgegeben wurde.

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Rüdiger von Fritsch, Jahrgang 1953, war unter anderem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Warschau (2010 bis 2014) und Moskau (2014 bis 2019). Er hat mehrere Bücher über Putins Russland veröffentlicht. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Familie Ihres Vaters stammt aus Sachsen.

Schloss Seerhausen in der Nähe von Riesa wurde 1945 enteignet und 1949 gesprengt. Trotzdem gab es in der Familie meines Vaters immer die Erwartung, dass man eines Tages zurückkehren würde. Auch Besuche in Seerhausen waren während der deutschen Teilung möglich. Plonian dagegen war völlig unerreichbar. Es verband sich mit einer unbeschwerten, friedlichen, ruhigen Kindheit in einer vollständig anderen Welt. Das Gut war autark, alles dort wurde selbst hergestellt – auch deshalb war diese Zeit für mich so weit weg wie der Mond. In diesem Sinne wurde dieses abgelegene baltische Gut für mich zu einem symbolischen Ort.

Hatte die Familie Ihrer Mutter nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jemals das Gefühl, Plonian hätte ihr zurückgegeben werden müssen?

Nein, diese Geschichte war abgeschlossen. Das war für mich auch als Diplomat sehr wichtig. Natürlich lag es in der Freiheit der wieder unabhängigen baltischen Staaten, solche Fragen so zu regeln, wie sie das für richtig befanden. Aber die Geschichte der Deutschbalten im Baltikum war definitiv zu Ende gegangen.

Bezieht sich Ihr besonderes Verhältnis zu dieser Landschaft auf Litauen, auf das Baltikum insgesamt oder ist es nur Plonian?

Es sind die drei baltischen Staaten, denen ich mich sehr verbunden fühle – und zu denen ich in großer Sympathie erzogen worden bin. Wie übrigens auch zu Russland – seinen Menschen, seiner großen Kultur. Aufgrund der Herkunft und des Schicksals eines Teiles meiner Familie, doch auch im eigenen Erleben sind mir die baltischen Staaten sehr sympathisch geworden. Ich bin viel dort gewesen. Die Landschaften, die Lebensart, das spricht mich sehr an. Und natürlich hat mich auch das schwere Schicksal der baltischen Völker berührt, das bei uns noch immer zu wenig bekannt ist.

8) Das Gutshaus von Plonian etwa 1930 ©Privat
Das Gutshaus von Plonian – Aufnahme von etwa 1930. (Foto: privat)

Was war der Auslöser, dieses Buch zu schreiben?

Ich habe bereits mehrere Bücher geschrieben, aber dies ist das eine, das ich immer schreiben wollte. Es ist „die Geschichte in mir“, die immer dort gelegen und mich immer beschäftigt hat. Ich verwende in dem Buch das Wort „aufheben“ in seiner dreifachen Bedeutung: Diese Geschichte lag mir manchmal im Wege und verlangte danach, aufgehoben zu werden, damit ich nicht darüber stolpere. Ich versuche zudem, die Geschichte aufzuheben, um sie sichtbar zu machen und damit zu bewahren. Und schließlich ist es das Bemühen, die Macht aufzuheben, die eine solche Geschichte über uns haben kann.

Die Macht aufheben?

Man könnte auch sagen: Den Bann der Geschichte lösen, der uns daran hindert, vergangene Erfahrungen in positives Handeln umzusetzen. Das gelingt aber nur, wenn wir ehrlich mit der Geschichte umgehen. Wenn wir auch Gegensätzliches und Widersprüchliches aushalten.

Welche Widersprüche meinen Sie?

Dass beispielweise jemand sowohl Täter gewesen ist wie auch gute Seiten gehabt hat, ohne dass wir das miteinander verrechnen dürfen. Es gibt diese Haltung: Ja, Opa war in der SS, aber er war ein guter Opa. Das „aber“ ist falsch. Richtig ist: Opa war in der SS. Und er war ein guter Großvater. Das müssen wir aushalten. Nur so werden wir der Geschichte gerecht.

Sie schreiben in Ihrem Buch ungewöhnlich offen über Ihren Vater Thomas von Fritsch, der sich bis zu seinem Tod 2006 als Nationalsozialist gesehen hat.

Dieses Buch unterscheidet sich in einem Punkt von anderen, die sich mit einer vergleichbaren Thematik beschäftigen: Ich musste mich nicht auf die Suche nach einer Vergangenheit machen. Die Vergangenheit meines Vaters war mir vertraut. Und nicht nur mir, denn er hat aus seinen Überzeugungen nie ein Geheimnis gemacht. Bis zu seinem Tode haben er und seine Freunde sich als „glühende Nationalsozialisten“ bezeichnet. Insofern gab es für mich nichts zu enthüllen.

Allerdings ist es eine andere Sache, öffentlich dazu stehen.

Ich war jederzeit vorbereitet, mich öffentlich mit der Vergangenheit und mit den politischen Positionen meines Vaters auseinanderzusetzen. Denn als Diplomat musste ich davon ausgehen, dass man sie mir vorhält – beispielsweise in meiner Zeit als Botschafter in Russland.

Das ist nicht passiert?

Nein. Stattdessen wurde mir die Vergangenheit meines Großonkels vorgehalten.

Werner von Fritsch, ein Cousin Ihres Großvaters, wurde 1938 von Hitler als Oberbefehlshaber des Heeres abgesetzt.

Er kam am 22. September 1939 im Feldzug gegen Polen ums Leben. Als ich mich 2014 als Botschafter in Moskau zur völkerrechtswidrigen russischen Annexion der Krim äußerte, ließ es sich ein russischer Propagandasender nicht nehmen, auf den Vetter meines Großvaters hinzuweisen: Zwar wäre es absurd, den deutschen Botschafter für Aussagen seines Großonkels „in Sippenhaft“ zu nehmen, aber der familiäre Hintergrund sollte mich doch „zurückhaltender im Umgang mit Russland agieren lassen“. Da war sie dann doch, die Sippenhaft.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über die Organisation Memorial, die in Russland schon bekämpft wurde, als Sie dort Botschafter waren. Warum verbietet Russland eine Vereinigung, die nichts anderes will, als an die Geschichte zu erinnern?

Wenig steht so sinnbildlich für den perfiden Charakter der gegenwärtigen russischen Herrschaft als dies: zu versuchen, die Wahrheit zu verbieten. Denn Memorial war nichts anderes als der eindrucksvolle Versuch, die Geschichte so zu zeigen, wie sie war. Das russische Regime dagegen benutzt und verdreht die Geschichte, um eine zutiefst verbrecherische Politik zu legitimieren. Das größte Land der Erde nimmt sich beständig das Recht heraus, beleidigt zu sein, indem es sich nur als Opfer geriert. Die eigenen Verfehlungen, unter denen gerade auch die baltischen Staaten furchtbar gelitten haben, werden völlig verdrängt. Deshalb bekämpft dieses Regime Memorial.

Es gibt diesen Satz des polnischen Intellektuellen Jan Józef Lipski: „Wir sollten über alles miteinander sprechen, unter der Voraussetzung, dass jeder von seiner eigenen Schuld spricht.“ Genau so ist es.

Junge Menschen haben heute mitunter den Eindruck, ihnen werde vermittelt, dass sie eine Schuld an der deutschen Vergangenheit tragen. Gibt es eine solche Schuld?

Schuld ist mit vergangenem Handeln verbunden und ist unmittelbar zuzurechnen. Ich kann mich durch eigenes Handeln schuldig machen, ich kann mich aber auch schuldig machen, indem ich zu einem System beitrage, ohne selbst besonders Verwerfliches unmittelbar zu tun. Allerdings gibt es keine fortdauernde Schuld, die sich über Generationen überträgt. Was es gibt, ist die Verantwortung, es anders zu machen: zu erkennen, wie leicht wir in neue Verstrickungen und auch schuldhaftes Handeln geraten können.

Für die meisten Leser dürfte es irritierend sein, dass Sie trotz allem immer ein gutes Verhältnis zu Ihrem Vater hatten. Wie hat das funktioniert?

Mein Vater hat nie von uns verlangt, seinem Weg oder seiner Gedankenwelt zu folgen – im Gegenteil: Er hat sehr bewusst dafür gesorgt, dass wir in einer anderen Welt unseren eigenen Weg gehen konnten. Meine Brüder und mich hat er in ein Internat geschickt, das ausdrücklich völlig anderen Idealen folgte. Damit hat er dafür gesorgt, dass erhalten blieb, was ihm noch wichtiger war als seine Überzeugung: die Familie und der Zusammenhalt der Familie. Mit seinen Ansichten und Taten habe ich versucht, dadurch umzugehen, dass ich ständig das Gespräch gesucht habe. Fast bis zu seinem Tode haben wir immer wieder Auseinandersetzungen geführt. Seine ideologischen Überzeugungen haben überdies nur einen Teil seiner Persönlichkeit ausgemacht, zu der noch viele andere Seiten gehörten, die ihn zu einem liebenswerten Vater machten, der in anderen Dingen vorbildlich war. Doch man darf eben das eine nicht mit dem anderen verrechnen.

7) Winter in Plonian, Aufnahmen wohl vor 1919 ©Privat
„Unsere ersten Vorstellungen von Vergangenheit kristallisierten sich um Plonian“, schreibt Rüdiger von Fritsch in seinem Buch. „Dort war irgendwie immer Sommer gewesen oder eben krachender Winter“. Aufnahme wohl aus der Zeit vor 1919.

Sie beschreiben, wie ein Bruder Ihres Vaters kurz vor Kriegsende getötet wurde, weil er bei einem sowjetischen Angriff versuchte, zurückweichende Soldaten aufzuhalten. Kann es ein sinnloseres Ende geben?

Wohl kaum. Sein Tod war so sinnlos wie der des Bruders meiner Mutter. Der eine, Karl-Erdmann Freiherr von Fritsch, macht den gesamten Krieg mit und verliert 21 Tage vor dessen Ende sein Leben, in einer Situation, wo alles längst entschieden ist. Der andere, Polja, Paul Baron von Hahn, macht sein Abitur, wird eingezogen und fällt nach kurzer Zeit im Kaukasus – er musste im Grunde fallen, weil er so schlecht sah. Er hatte auf beiden Augen + 6,5 Dioptrien. Am 30. Juni 1942 wurde er an die Front geschickt, am 25. August kam er im Alter von 18 Jahren ums Leben.

Sie deuten in Ihrem Buch an, dass Sie es für eine verpasste Gelegenheit halten, dass Bundespräsident Johannes Rau, dessen Planungsstab Sie damals geleitet haben, in seiner Amtszeit keine Rede zum Umgang mit der gesamten deutschen Geschichte gehalten hat. Wie weit waren die Planungen?

Das war eine andere Zeit: Die Deutsche Einheit war gerade zehn Jahre her, damals wurde sehr intensiv über den Umgang mit der Vergangenheit diskutiert. Es gab die Überlegung, ob der Bundespräsident sich in die Debatte einbringen könnte, indem er Schuld und Verantwortung benennt und zugleich dazu ermutigt, auch positive Aspekte der deutschen Vergangenheit zu betrachten. Einer derjenigen, die intensiv an der Entwicklung dieser Idee beteiligt waren, war der Historiker Heinrich August Winkler. In seinen Erinnerungen schreibt er, dass Vorschläge, die er vorgelegt hatte, nicht realisiert wurden, weil an den damaligen Bundespräsidenten appelliert worden war, „ein postnationales Bewusstsein“ zu fördern.

Wäre es heute zu spät für eine solche Rede?

Es ist jedenfalls unverändert wichtig, immer wieder und immer wieder neu mit der Vergangenheit umzugehen und dies ehrlich und aufrichtig zu tun. Nur so können wir uns mit uns selbst versöhnen und versöhnt mit anderen leben.

Mit Rüdiger von Fritsch sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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