Reportage
Nächtliche Angriffe, verwüstete Ställe: Seit Ausbruch des Krieges haben Viehdiebstahl und Siedlergewalt im Westjordanland stark zugenommen. Beobachter sprechen vom systematischen Entzug der Lebensgrundlagen palästinensischer Familien.
„Beim ersten Mal kamen vierzig Siedler. Sie versuchten den Stall anzuzünden. Sie warfen mit Steinen. Siehst Du die Glassplitter? Viermal griffen sie meinen Hof an. Beim letzten Mal gelang es ihnen einzubrechen“, berichtet Salim Hamayel, Bauer aus Abu Falah.
Aufgeregt zeigt Hamayel auf eine rußgeschwärzte Wand neben dem Eingang zu seinem Hof am Rand des Dorfes im Westjordanland. Der Hof mit Fleischerei gleicht einer Festung. Betonmauern mit Stacheldraht umgeben das Stallgebäude, in dem der Bauer 76 Schafe hielt. Bis Mitte April Siedler nachts die Hintertür aufbrachen, die Tiere mitnahmen und den Stall verwüsteten. Die Familie schlief im Dorf, bemerkte den Diebstahl am nächsten Morgen.
„Ein Totalverlust“
„Fünf Schafe konnten sich verstecken. Von 76 habe ich noch fünf. Gerade war Opferfest. Da verkaufe ich normalerweise 25 Schafe, Tausend Euro pro Tier. In meinen Hof habe ich 180.000 Euro investiert. Ein Totalverlust“, sagt Hamayel. „Unsere ganze Hoffnung, unser Leben, das meiner Frau, meines Sohnes, er ist verheiratet, hat Kinder, hängt von diesem Hof ab. Eine andere Arbeit gibt es nicht. Über Nacht haben wir alles verloren. Seit zwei Monaten haben wir haben keinen Cent verdient.“
Salims Frau Rifa wischt sich Tränen aus den Augen. Hier hat sie die Schafe aufgezogen, aus der Milch Käse gemacht. Für die Menschen im Dorf Abu Falah sind die Hamayels Fleisch- und Milchlieferanten, sagt Rifa.
Dutzende Angriffe auf palästinensische Bauern
So wie den Hamayels geht es vielen Familien in ländlichen Gegenden im Westjordanland, sagt Ameer Daewood von der palästinensischen Kommission gegen Mauer und Siedlungen, die zur palästinensischen Autonomiebehörde gehört. Sie dokumentiert Angriffe durch Siedler. Zwischen Januar und Mitte Mai habe es mehr als 100 direkte Angriffe auf palästinensische Bauern gegeben. 4.700 Tiere seien gestohlen worden. Daewood spricht von einem Muster.
„Tiere werden gestohlen, getötet, vergiftet, verbrannt oder ihnen werden Wiesen und Wasserquellen versperrt. Besonders seit Kriegsbeginn kommen die Siedler ungestraft davon. Im Schleier des Krieges wird die Bewegungsfreiheit für Palästinenser im ländlichen Raum weiter eingeschränkt“, so Daewood.
Seit Palästinenser keine Arbeitserlaubnis mehr in Israel bekämen, seien viele von Landwirtschaft und Viehzucht abhängig. Der Viehdiebstahl treffe die Gemeinden im schwächsten Moment. Viele Familien hätten keine anderen Einnahmequellen und die Wirtschaft in den Gemeinden drohe zusammenzubrechen, so Daewood. Dadurch würden die Menschen in ländlichen Gemeinden gezwungen abzuwandern. Dann gründeten Siedler weitere Außenposten und besetzten mehr Land. Es gehe darum, Palästinenser strategisch aus ländlichen Gemeinden zu vertreiben, sagt Daewood. Vor allem aus der von Israel kontrollierten Zone C und dem Jordantal.
„Sie haben ihn kaltblütig getötet“
Von dort flüchteten 13 Familien des Beduinenclans von Ali Kaabneh, der ebenfalls von Schafzucht lebt. Sie wohnen wenige Autominuten von Abu Falah entfernt. Mit starrem Blick sitzt Ali Kaabneh auf einem Plastikstuhl unter einem Wellblechdach.
Mitte Mai wurde Alis 16-jähriger Sohn Yousef durch einen Schuss in die Brust getötet während eines Militäreinsatzes der Armee. An jenem Tag trieben Siedler 700 Schafe von Bauern der Umgebung zusammen, heißt es in Medienberichten. Die Armee spricht von einem gewalttätigen Aufruhr.
„Ich möchte der Welt sagen, dass Youssef, mein Sohn, zu Unrecht getötet wurde. Er hielt keinen Stein in der Hand. Israelische Soldaten griffen Youssef an, obwohl er unbewaffnet war mit nacktem Oberkörper. Sie haben ihn kaltblütig getötet. Ich möchte der Welt sagen, dass die israelische Armee Youssefs Schafe beschlagnahmt und sie den Siedlern gegeben hat.“ Ein Video auf Kaabnehs Handy zeigt israelische Soldaten, die eine Schafherde durch eine Straße treiben.
„Niemand schützt uns“
„Diese Siedler stehen über dem Gesetz. Niemand schützt uns – weder die israelische noch die palästinensische Polizei oder Sicherheitskräfte“, so Kaabneh. „Das ist eine neue Phase der Vertreibung, und Zwangsmigration.“
Erst kürzlich sei ihr Lager von vierzig Siedlern angegriffen worden. Mit Stöcken hätten sie auf die Beduinen eingeschlagen und Zelte in Brand gesetzt. Wenn die Angriffe der Siedler nicht aufhören, fügt der Beduine hinzu, müsse die Familie wieder mit den verbleibenden Schafen der Herde flüchten, obwohl sie das Land hier gekauft hätten, sagt Ali Kaabneh. Wohin wisse er allerdings nicht.

