13.06.2026 | 20:50 Uhr
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft startet mit einer äußerst undankbaren Aufgabe in die WM. Dem ersten Gegner, dem kleinen Inselstaat Curacao, ist man gemessen am Kaderwert eigentlich meilenweit überlegen. Doch die Mannschaft der niederländischen Trainer-Ikone Dick Advocaat kommt mit großer Euphorie und mit einigen Spielern, die eine gute Ausbildung in den Niederlanden genossen haben. Droht am Sonntagabend (19 Uhr, ARD, Magenta TV und im Liveticker bei ntv.de) eine nächste Blamage, Herr van Lent?
Hallo Herr van Lent! Wem drücken die Niederländer am Sonntagabend eigentlich die Daumen?
Arie van Lent: Curacao!
Weil die Niederländer Curacao lieben oder weil es gegen Deutschland geht?
Na, wenn die „echte“ Elftal schon nicht gegen Deutschland spielt, dann muss es Curacao richten. Da ist schon eine große Liebe der Niederländer vorhanden. Viele Spieler sind ja bei uns im Land groß geworden. Aber die Liebe ist sicher auch so groß, weil Curacao keine Konkurrenz für die Niederlande ist (lacht).
Für Deutschland aber schon, oder wie?
Nein, das haben wir ja beim letzten Mal schon besprochen. Wenn die Deutschen konzentriert spielen, dann muss es ein klarer Sieg werden. Aber wenn wir uns an das DFB-Testspiel gegen die USA am vergangenen Wochenende erinnern, dann kann es zumindest ein Problem geben.
Sie meinen das Verhalten gegen aggressives Pressing?
Genau, da haben wir ja schon gesehen, dass du damit die Möglichkeit hast, den einen oder anderen Deutschen aus dem Spiel zu nehmen. Vor allem im Mittelfeld. Ich hoffe natürlich, dass sich das nicht wiederholt. Aber ich denke, Curacao hat das gesehen und wird es natürlich auch probieren. Aber ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass sie bei der WM auch nur ein Spiel gewinnen. Und trotzdem hat das Land ja schon gewonnen.
Inwiefern?
Na guck mal, überall sprechen sie über Curacao. So wie wir beiden jetzt auch. Jeder interessiert sich plötzlich für das Land. Dazu werden nicht nur Bilder der Mannschaft gesendet, sondern auch von weißen Stränden. Es ist ein absoluter Segen. Ich kann mir vorstellen, dass der Tourismus nach der WM super läuft. Und dann bedienen sie mit ihrem Spitznamen „blaue Welle“ auch noch ein schönes Bild. Das eine eigene Geschichten schreibt. Hoffentlich wird für die Deutschen kein Tsunami draus. Aber wenn sie die von Nico Schlotterbeck gerade erst beschworenen Tugenden bedienen, dann mache ich mir keine Sorgen.
Welche Tugenden meinen Sie oder Nico Schlotterbeck denn?
Na, für mich geht es vor allem darum, dass die Deutschen es wieder schaffen, jedem Gegner Angst einzuflößen. So wie es früher einmal war. Da haben sich die Gegner, Pardon, eingesch.., wenn es gegen das DFB-Team ging. Du musst einfach wieder dieses Gefühl ausstrahlen, dass du das Spiel immer gewinnen kannst. Du darfst nicht unruhig werden, wenn du lange auf ein Tor warten musst. Und du darfst nicht nachlassen, keine Kompromisse eingehen und den Gegner damit stark machen. Dazu kommen noch die Klassiker: Disziplin und Widerstandsfähigkeit. Wenn das DFB-Team es schafft, alle drei Vorrundenspiele zu gewinnen, gibt es nicht nur ihnen selbst einen riesigen Push, sondern auch dem Land. Das kann eine riesige Euphorie auslösen.
Im ersten DFB-Gegner steckt mehr, als viele wissen
Mit Dick Advocaat ist die Trainerlegende nach einer kurzen Auszeit zurück. Er kümmerte sich nach der WM-Quali um seine kranke Tochter. Kann der ehemalige Bondscoach Nagelsmann überraschen?
Advocaat hilft vor allem erstmal seiner eigenen Mannschaft durch die wahnsinnige Erfahrung die er als Trainer gesammelt hat. Und auch als Mensch wird er Curacaos Fußballern viel geben. Er ist so eine Art Vaterfigur für sie. Was auch in seiner persönlichen Wandlung liegt. Er ist vom General zu einem sehr angenehmen Zeitgenossen geworden. Und in den Niederlanden freut man sich einfach auch für ihn und seinen sensationellen Erfolg mit Curacao. Auch wenn seine Zeit als Bondscoach unter anderem mit dem Konflikt um Clarence Seedorf nicht immer einfach war. Viele sagen, ach guck, der ist auch noch da. Und jetzt sogar der älteste WM-Trainer der Geschichte. Und wussten Sie eigentlich, Herr Nordmann, dass Advocaat einst gar nicht als Curacaos Coach vorgesehen war?
Oh nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Wer denn?
Es war tatsächlich Fred Rutten, der ihn ja nach seinem Rücktritt wegen der Krankheit seiner Tochter beerbt hatte. Rutten sollte vor Advocaat das Amt übernehmen, wurde dann aber selbst krank. Und empfahl als Berater seinen Landsmann Advocaat, ehe der dann Rutten für seine Nachfolge empfahl. Verrückt. Aber weil Curacao mit ihm nicht klar kam, trat er ja vor der WM zurück und macht den Weg für Advocaat wieder frei.
Die Spitznamen aller Teams der Fußball-WM
Ein Nationalheld ist er mit der WM-Qualifikation ja eh schon. Aber lassen Sie uns mal aufs Sportliche schauen. Für welchen Fußball steht Advocaat denn?
Fußballerisch setzt er auf das typische 4-4-3 der Niederlande. Das eignet sich dafür technisch stark und schnell nach vorne zu spielen. Da haben sie mit dem ehemaligen Bochumer Jürgen Locadia, dem Ex-Bremer Tahith Chong und Sontje Hansen durchaus gefährliche Spieler. Und das System liegt einfach vielen Spielern, die ja in den Niederlanden ausgebildet worden sind. Sie werden erstmal versuchen kompakt zu stehen und dann die Deutschen auszukontern. Sie kommen mit einer wahnsinnigen Euphorie zur WM.
Das klingt eigentlich gar nicht so ungefährlich!
Ja, aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass es kaum Spieler gibt, die bei großen Vereinen spielen. Da hast du Armando Obispo, der bei der PSV Eindhoven spielt. Oder eben Chong von Sheffield United, der übrigens als einziger Spieler im Kader auf Curacao geboren wurde, und Hansen vom FC Middlesbrough. Viele andere Spieler sind aber etwa bei Vereinen in den Niederlanden unter Vertrag, die, wenn ich das so sagen darf, keine große Rolle spielen. Volendam oder Telstar waren früher mal Testgegner für unsere Regionalligamannschaften in Deutschland. Aber so richtig einschätzen kann man das Niveau von Curacao nicht. Die Qualifikation gegen Jamaika war eine große Überraschung, aber was sagt etwa ein 7:0-Sieg gegen Bermuda aus?
Sie sprechen es an: Viele Spieler von Curacao stammen aus den Niederlanden. Werden Sie eher kritisch beäugt oder gar belächelt, weil sie nun für das kleine Land spielen?
Nein, gar nicht. Das ist nicht anders als in Deutschland, wo es ja auch viele Spieler mit türkischen Wurzeln gibt, die sich dann eben für die Türkei entscheiden. Und warum sollst du das als Spieler die Chance nicht nutzen, für eine Nationalmannschaft zu spielen, gerade wenn ein großes Turnier ansteht. Manuel Neuer macht es doch auch nicht anders. Und die Spieler, die für Curacao auflaufen, haben ja auch familiäre Wurzeln auf der Insel. Zur Not springt eben irgendeine Oma aus der Trickkiste.
Curacao-Spieler schwärmt von DFB-Star

Und wie ist es umgekehrt? Blickt man auf Curacao kritisch auf die Niederländer im Team?
Na, da guckt man ja direkt auf über 90 Prozent des Teams. Es gab schonmal die Beschwerde, warum es kaum Spieler aus der Heimat in die Nationalmannschaft schaffen. Dann haben sie aber mal ein Freundschaftsspiel mit Fußballern gemacht, die für das Team infrage kommen würden. Es ging gegen ein niederländisches Profiteam. Das gewann 7:0, danach waren alle Diskussionen beendet.
Trainer Dick Advocaat soll ja etwa den Spieler Sontje Hansen erst im vergangenen Sommer überzeugt haben, für Curacao aufzulaufen …
Na klar, sie suchen natürlich nach Spielern mit Wurzeln auf Curacao. Aber wie gesagt, daraus macht ihnen in den Niederlanden niemand einen Vorwurf. Warum auch?
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann
Verwendete Quelle: ntv.de
