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Tah trifft – nicht entscheidend: Der tragischste Pechvogel im DFB-Team

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 30, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Deutschland ist raus bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Kollektives Entsetzen macht sich breit. Eine unfreiwillige Hauptrolle spielt Jonathan Tah. Er schien der Held des zähen Spiels gegen Paraguay zu werden. Stattdessen ist er der tragischste Pechvogel.

Der Ball fliegt weit oben links über dem Tor hinweg. Elfmeter völlig verballert. Jonathan Tah tritt in der größten Drucksituation an und scheitert. Er ist der sechste Schütze im Elfmeterschießen bei der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Paraguay. Sein Name ist der, der jetzt immer genannt werden wird. Den entscheidenden Elfmeter verschossen.

Es ist die Fortsetzung der Geschichte, die schon gut eine halbe Stunde zuvor in der Verlängerung dieses Sechzehntelfinals beginnt. Der Fußballgott meint es an diesem Abend nicht gut mit Tah.

DFB-Elf verschießt albtraumhaft drei Elfmeter

Jubel versiegt jäh

In der 102. Minute hatte er das DFB-Team in Führung geköpft. Das Desaster gegen Paraguay schien abgewendet. Es war ein satter Kopfball, mit Anlauf hochgestiegen, mit dem Oberkörper Schwung geholt, mit Willen eingeköpft. 2:1. Doch noch alles gut. Der Jubel war riesig, Antonio Rüdiger schulterte seinen wuchtigen Kollegen mal eben, Leon Goretzka schaute ihm ganz tief in die Augen.

Tah hatte sich zum Helden aufgeschwungen. Die Kritiker würden verstummen, wenn das DFB-Team zwar schlecht spielt, aber Runde um Runde weiterkommt. Niemand fragt mehr, wie man zum Weltmeister-Titel gekommen ist – oder es wird eine schöne Geschichte von zähen Kämpfen und Glück gesponnen, siehe 2014. Damals drohte nach der Gruppenphase im ersten K.o.-Spiel ebenfalls das Aus, das zähe 2:1 gegen Algerien gelang erst in der Verlängerung. Längst werden eher die legendären „erstmal drei Tage in die Eistonne“ von Per Mertesacker zitiert oder Libero Manuel Neuer gefeiert.

Tah hätte es fast noch in der regulären Spielzeit gerichtet, köpfte in der 90.+2 nach einer Ecke den Ball aber in die Hände von Paraguays Torhüter Orlando Gill. Egal, dann eben in der Verlängerung! Doch der Jubel erstarb, als Schiedsrichter Jalal Jayed erst zum VAR-Check an den Seitenrand lief. Er hatte einen Hinweis vom VAR aufs Ohr bekommen. Nachdem er sich die Szene auf dem Bildschirm nochmal ansah, nahm er das Tor zurück.

Tah hatte nichts falsch gemacht: nicht im Abseits gestanden, niemanden gefoult. Das aber soll sein Mitspieler Waldemar Anton mit dem Torhüter Orlando Gill getan haben. Die Wut ist seitdem riesengroß und hält an. Schließlich ist Deutschland raus aus der WM. Weil das Tor nicht zählte, ging es ins Elfmeterschießen. Gegen den Underdog verloren.

Vergleich mit Cucurella?

Der Verteidiger vom FC Bayern sagte nach der Partie, für ihn war das Engagement von Anton vor seinem Tor „auf jeden Fall kein Foul. Alle sind am Boden zerstört.“ Die Wut war riesig, Julian Nagelsmann sprach vom „Vollskandal“. Dagegen gab sich Tah gemäßigt, er war traurig, schockiert, aber stellte auch fest: „Wir müssen uns an die eigene Nase packen.“

Vor zwei Jahren war das DFB-Team bei der Heim-Europameisterschaft ausgeschieden, weil Marc Cucurella seine Hand für Spanien im Spiel hatte. Die Torverhinderung des Spaniers war 2024 als legal durchgegangen. Tah wollte so ein Fass aber nicht nochmal aufmachen: „Es bringt nichts, darüber zu diskutieren.“

Diskutiert wird aber natürlich doch viel nach diesem Spiel. Dabei hätte es das DFB-Team freilich auch ohne diese eine Szene schaffen müssen, Paraguay zu besiegen. Es war ein enttäuschendes Spiel, wenig Überzeugung, fehlende Durchschlagskraft. Es wäre nach dem aberkannten Tor schließlich noch fast eine halbe Stunde Zeit gewesen für einen zählbaren Siegtreffer.

Neuer macht’s nochmal spannend

Stattdessen ging es ins Elfmeterschießen. Und wieder wurde Tah der Mittelpunkt der Geschichte. Dabei war es ein kleines Wunder, dass Deutschland überhaupt noch dabei war, als der Innenverteidiger zum Elfmeterpunkt schritt. Schließlich hatten Kai Havertz und Nick Woltemade ihre Elfmeter bereits verschossen. Havertz, nachdem er in der 54. Minute den Führungstreffer von Julio Enciso ausgeglichen hatte. Woltemade, nachdem er erst in der 88.Minute eingewechselt worden war und seine ersten Spielminuten beim Turnier bekam.

Deutschland stand bereits vor dem Aus, doch dann schoss erst Antonio Sanabria daneben und Nadiem Amiri verwandelte seinerseits sicher. Einmal tief durchatmen. Dann großer Auftritt Manuel Neuer. Nach der Kritik aus der Gruppenphase trumpfte er gegen Paraguay im Ausscheidungsschießen auf: Er hielt den Versuch von Fabian Balbuena als dieser den Einzug ins Achtelfinale hätte klarmachen können.

Also alles auf Null. Von nun an immer abwechselnd. Das DFB-Team muss wieder vorlegen und schickt Tah auf den langen Weg von der Mittellinie, wo die Teams nebeneinander gereiht warten müssen, zum Punkt. Viel Zeit, nachzudenken. Viel Zeit, das Selbstbewusstsein zu verlieren. Tah haut den Ball weit übers Tor. Erinnerungen an Uli Hoeneß werden wach, an die „Nacht von Belgrad“ bei der EM 1976. Als der heutige Bayern-Ehrenpräsident im Finale gegen die Tschechoslowakei den Ball in den Nachthimmel schoss, Antonin Panenka danach schlitzohrig traf und den deutschen Nachbarn zu Europameistern machte.

Nun war es bei dieser WM gerade einmal das Sechzehntelfinale. Weil aber Tah verschießt und José Canale im Anschluss trifft, versinkt Deutschland im kollektiven Entsetzen.

2014er-Weltmeister Christoph Kramer war es im ZDF ganz wichtig darauf hinzuweisen, dass die Spieler, die zum Elfmeter antreten und verschießen, nicht als Schuldige ausgemacht werden dürfen. Diese Belastung sei eine Ausnahmesituation. Berechtigter Hinweis – aber doch muss das Spiel letztlich durchs Elfmeterschießen entschieden werden, wenn es zuvor nicht gereicht hat. Und einer muss auch der Letzte sein, der antritt. Es war in dieser späten deutschen Nacht eben Jonathan Tah. Es passte zur Geschichte, dass er erst trifft und es nicht zählt. Und dann nicht trifft und es zählt.

Verwendete Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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