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Warum die Kanzlerdiskussion um Wüst wieder losgeht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 28, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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analyse

Stand: 28.05.2026 • 13:32 Uhr

Die Beliebtheitswerte von Kanzler Merz sind schlecht wie nie. Das gibt offenbar Nährboden für eine alte Diskussion: Kann NRW-Ministerpräsident Wüst Kanzler? Die Debatte verrät viel über den Zustand der Koalition.

Jochen Trum

Auch Hendrik Wüst hat in seinem Leben mal was mit Medien gemacht. Sieben Jahre war er Geschäftsführer des Zeitungsverlegerverbands in NRW. Die Gesetzmäßigkeiten der Branche dürften dem 50-Jährigen aus dem Münsterland, der nun seit gut fünf Jahren Ministerpräsident seines Bundeslandes ist, also vertraut sein. Schon einmal befeuerte er medial die Debatte um eine mögliche Kanzlerkandidatur, das wäre allerdings fast schiefgegangen.

Ziemlich genau vor drei Jahren erschien in der FAZ ein Gastbeitrag mit dem Titel „Das Herz der CDU schlägt in der Mitte“. Autor war Hendrik Wüst. Darin forderte er einen Mitte-Kurs in bester christdemokratischer Tradition. Und es standen dort Sätze wie: „Wer nur die billigen Punkte hervorhebt und sich mit den Populisten gemein macht, legt die Axt an die eigenen Wurzeln und stürzt sich selbst ins Chaos.“ Das lasen die meisten als offene Kampfansage an Friedrich Merz. Auch Merz selbst.

Geschichte droht sich zu wiederholen

Der Text erschien unmittelbar vor dem Wochenende, an dem der Parteichef Merz, der sicherste Anwärter auf die Kanzlerkandidatur, einen CDU-Konvent zum Grundsatzprogramm abhielt. Der Ärger bei Merz und seinen Leuten war riesig. Die Stimmung drohte zu kippen, auch Wüst sah, dass er es übertrieben hatte.

Er ruderte zurück, auf dem NRW-Sommerfest in der Berliner Landesvertretung tranken die beiden öffentlichkeitswirksam ein Bier zusammen. Botschaft: War nicht so gemeint, wir sind ein Herz und eine Seele. „Wir sind da eine Kurve gefahren“, sagte Merz später.

Wüst als Gegenentwurf zum glücklosen Kanzler?

Die Geschichte läuft Gefahr, sich zu wiederholen. Wo Wüst in diesen Tagen auch auftritt, es begleitet ihn stets dieselbe Frage. Könnte er, will er der nächste Kanzler sein? Besonders die Berliner Hauptstadtpresse beschäftigt das. Vor allem seit der CDU-Politiker aus dem Westen in der vergangenen Woche mit einem Tross von Journalisten, auch aus Berlin, die polnische NRW-Partnerregion Schlesien besuchte, hat ein altes Thema wieder neues Futter bekommen. Wüst, der in Düsseldorf so harmonisch mit den Grünen regiert, empfiehlt sich als Gegenentwurf zum glücklosen Kanzler aus der eigenen Partei.

„Es macht eben einen Unterschied, wer regiert“, sagt er gern, auch in dieser Woche bei seinem Auftritt an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Das lässt sich auch auf den Sport übertragen. Ja, der feine Unterschied kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wüst vermeidet es gerade auffällig, öffentlich den Eindruck zu erwecken, er könne es gar nicht abwarten, Friedrich Merz abzulösen. Und das ist nicht nur Koketterie.

Schon einmal Kanzlerträumen abgeschworen

Wüst hatte schon einmal ganz offiziell seiner Kanzlerambition abgeschworen. Im September 2024 verzichtete er mit großer Geste und stellte sich hinter Merz, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Kandidatur des Sauerländers bereits feststand. Das war ein geschickter Zug, der ihm in der Union viel Respekt einbrachte. „Der Hendrik ist die Zukunft unserer Partei“, sagte damals ein führender CDU-Mann aus NRW.

Wie zu hören ist, melden sich täglich Menschen aus der CDU, um Wüst zu ermuntern, doch nach Berlin zu wechseln. Aus ganz Deutschland. Wie genau das eigentlich gehen sollte, wissen sie vermutlich auch nicht. Für politische Parteien, vor allem die Union, gilt der Satz: „Die Partei liebt den Verrat, aber sie hasst den Verräter.“

Wer also sollte den „Königsmörder“ geben? Dass Friedrich Merz freiwillig auf sein Amt verzichtet, damit Wüst übernehmen kann, ist wenig wahrscheinlich. Dass die SPD dabei mitmacht, nicht zu erwarten. Dass die CSU unter Markus Söder ihren Segen gibt – nahezu ausgeschlossen. Ein konstruktives Misstrauensvotum? Es wäre ein Spiel mit dem Feuer.

Wüst-Spekulationen sind eine Projektion

Die Spekulationen über Wüsts Zukunft sind eine Projektion, die mehr über den tatsächlichen Zustand der Berliner Regierung verrät als über die Ambitionen des NRW-Ministerpräsidenten. Selbst glühende Merz-Fans von einst sind inzwischen enttäuscht. Es läuft einfach nicht, die Stimmung ist unterirdisch, die AfD wächst in den Umfragen. Das Land taumelt, größer als die Ratlosigkeit der Politik scheint nur noch das gegenseitige Misstrauen in der schwarz-roten Koalition.

Ob Wüst es besser könnte, ist eine theoretische Frage. Dass sie gerade in den ostdeutschen CDU-Landesverbänden auf einen wie ihn warten würden, darf man bezweifeln. Auf einen, der aus dem tiefen Westen kommt, der die Grünen liebkost, sich auf einem Lastenrad ablichten lässt, der aus seiner Bewunderung für Angela Merkel keinen Hehl macht und den CSD eröffnet. Und der die AfD eine „Nazi-Partei“ nennt. Hätte er die Kraft, eigensinnige Landesverbände der Union zur Räson zu rufen?

Politik ohne Ecken und Kanten

In Düsseldorf hat er sich für einen präsidialen Politikstil entschieden. Er hält sich aus unangenehmen Themen weitgehend heraus, lässt sich auf Social Media als nahbarer Politiker ohne Ecken und Kanten in Szene setzen. Das würde als Kanzler nicht funktionieren. Außerdem verhandelt Wüsts Landesregierung über ganz andere Themen.

Gut, es gibt auch Konfliktthemen mit den Grünen. Etwa über die Einführung eines Polizeibeauftragten, über einen zweiten Nationalpark im Land oder eine Abgabe auf die Kiesförderung. Sicher wichtige Themen, aber das Land versetzen sie nicht in Aufruhr.

Für Wüst haben die Spekulationen einen Haken. Seine Lebensplanung dürfte sich zwischen Kanzleramt, Reichstag und den Krisenherden dieser Welt nur schwer umsetzen lassen. Verheiratet, mit zwei kleinen Kindern, einem Rückzugsort im münsterländischen Rhede. Der Christdemokrat scheint seine Zeit mit der Familie über alles zu schätzen. Damit wäre in Berlin Schluss. Außerdem ist im April 2027 Landtagswahl in NRW. Würde Wüst der CDU als Spitzenmann abhandenkommen, hätten die Christdemokraten an Rhein und Ruhr ein Riesenproblem.

Merz soll inzwischen aufgebracht sein über Wüsts Zündeln. Schon wieder. Das Wort vom „Putsch“ macht die Runde. Da droht etwas aus dem Ruder zu laufen, und in der CDU fragen sich etliche, wem das eigentlich nutzen soll. Und warum das gerade jetzt eskaliert, wo der Schaden für alle gewaltig ist. Vielleicht hilft der drei Jahre alte Satz: Wer nur die billigen Punkte hervorhebt, stürzt sich selbst ins Chaos.

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Dr. Heinrich Krämer
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