Sexualisierte Gewalt ist ein Problem – auch im Breitensport. Sportvereine können dagegen präventiv tätig werden und zum Beispiel Schutzkonzepte erstellen. Warum das für viele eine Herausforderung ist und wie es ein Verein in NRW angeht.
„Aufräumen, Trinken, Bälle weg, Auf die Plätze, fertig los! Und jetzt aber Zack Zack!“ Daniela Becker macht beim Handballtraining die Ansagen. In der Sportturnhalle in Rietberg in der Nähe von Bielefeld geht es wuselig zu. Die sechsjährigen Mädchen und Jungen rennen über den quietschenden Hallenboden und lernen zum Beispiel wie sie beim Werfen den Arm richtig halten.
Beim Sport entsteht schnell Nähe. Trainerinnen und Trainer verbringen viel Zeit mit ihren Schützlingen. Daniela Becker, Vorstand vom TuS Rietberg, kennt das Dilemma: „Bei dieser Altersgruppe ist ja die Schwierigkeit: Die wollen noch mit den Trainern kuscheln. Da muss ich einen Weg finden, gleichzeitig die Kinder in den Arm zu nehmen, aber Abstand zu halten.“
Trainerinnen und Trainer müssen sich deshalb fragen: Wo sind die Risiken? Und wie gehen wir mit dem Thema um? Der Verein TuS Viktoria Rietberg geht es präventiv an und hat sich ein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt überlegt.
Konzept soll zum Nachdenken anregen
Mit allen Trainerinnen und Trainern ab 14 Jahren gehen die Verantwortlichen das Konzept mit den Verhaltensregeln durch. Sie unterschreiben dann einen Ehrenkodex, geben ein polizeiliches Führungszeugnis ab und müssen alle zwei Jahre eine Informationsveranstaltung besuchen.
In den Verhaltensregeln geht es zum Beispiel um das Betreten von Umkleiden. Erwachsene sollen sich immer ankündigen, bevor sie eine Umkleide betreten. Es sollen nur gleichgeschlechtliche Erwachsene in die Umkleiden gehen und das bestenfalls zu zweit.
Der Verein hat außerdem eine externe Beratungsstelle und interne Vertrauenspersonen benannt. Dazu gehört auch Daniela Becker aus dem Vorstand des Handballvereins. Sie weiß, was die Auseinandersetzung bei manchen Trainerinnen und Trainern schon bewirkt hat: „Da haben natürlich alle keinen Bock drauf. Aber die meisten, die da waren, sagen: Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Manche Sachen macht man, weil man sie immer gemacht hat.“
Ein Generator soll helfen
Wie groß das Problem mit sexualisierter Gewalt im Breitensport ist, zeigt die Studie „Sicher im Sport“ von 2022. Ein Fünftel der befragten Vereinsmitglieder haben schon einmal sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt erlebt. „Die Studien helfen, dass wir uns da als Sport nicht ausklammern können“, sagt Christin Görtler. Sie ist Referentin für das Thema „Schutz vor Gewalt“ beim Landessportbund NRW.
Von den Landessportverbänden gibt es bundesweit zahlreiche Angebote. Zum Beispiel kostenfreie Schulungen. Trotzdem setzen sich noch nicht alle Sportvereine mit dem Thema sexualisierte Gewalt auseinander. „Am Finanziellen hapert es nicht“, sagt Görtler. „Für Vereine ist es ein zeitlicher und bürokratischer Aspekt. Die Präventionsarbeit ist nicht mal so eben gemacht.“ Sportvereine werden zum Großteil von Ehrenamtlichen getragen und an denen mangelt es vielen Vereinen.
In NRW soll ein „Schutzkonzepte-Generator“ den Sportvereinen helfen. Das ist ein Online-Tool mit einem Fragenkatalog. Damit können Sportvereine ein Schutzkonzept auf die eigenen Gegebenheiten anpassen. Bislang haben sich 900 Vereine registriert.
Trainer sensibilisieren und Kinder zum Reden bringen
Bei der Präventionsarbeit geht es nicht nur darum, Trainerinnen und Trainer für sexualisierte Gewalt zu sensibilisieren, sondern auch die Kinder zum Reden zu bringen. Das betont auch Daniela Becker vom TuS Viktoria Rietberg. Sie will ihren Handballspielerinnen und -spielern eine klare Botschaft vermitteln: „Wenn euch irgendwas mal komisch vorkommt: Nehmt eure beste Freundin und redet. Und wenn ihr euch nicht traut mit Mama und Papa: Ihr habt bestimmt eine Lieblingstante oder Oma und Opa. Redet darüber.“ Das Ziel sei auch, dass Kinder verstehen, wo ihre Grenzen sind.
Verantwortliche wie Kolyn Thane vom Kreissportbund Minden-Lübbecke arbeiten eng mit den Vereinen zusammen. Sie sagt, dass ein Schutzkonzept mehr sein muss als nur ein Papier: „Sondern, dass es sich um die Kultur des Hinsehens und der Beteiligung handelt und sich nicht nur schön lesen lässt.“
Für viele Vereine gibt es künftig keinen Weg drum herum: Ab dem 1. September 2026 müssen Sportvereine in NRW, die Einsatzstellen für Freiwilligendienstleistende sind, Schutzkonzepte vorlegen.
