Israel will das Beduinendorf Khan al-Ahmar im Westjordanland seit Jahren räumen, internationaler Druck hat das bisher verhindert. Doch seit dem 7. Oktober 2023 bleiben die Solidaritätsbesuche aus.
Eid Khamis Swailm Jahlin füttert seine Schafe. Noch. Er ist Dorfältester in Khan al-Ahmar, einem Dorf am Rand der Straße von Jerusalem runter zum Toten Meer. Besonders idyllisch ist es hier nicht: Die Gebäude, in denen 45 Familien leben, mehr als 300 Menschen, sind eher ärmliche Verschläge. Das Land ist trocken, überall hört man den Lärm des Verkehrs.
Und doch hängt Eid Jahlin an diesem Ort: „Ich stamme aus der Negev-Wüste. Wir und unsere Familien kamen 1952 in dieses Gebiet. Dieses Land hier – damit niemand behaupten kann, es handele sich um Staatsland – befindet sich in Privatbesitz und gehört dem Dorf Anata.“ Sie würden über entsprechende Verträge aus dem Jahr 1962 verfügen, „die auf unsere Väter ausgestellt sind“. Auch sie besäßen diese Unterlagen, im Jahr 1997 sei die Vereinbarung erneuert worden.
Eid Khamis Swailm Jahlin kämpft als Dorfältester um den Erhalt des Dorfes Khan al-Ahmar.
Internationaler Druck verhinderte Räumung – bisher
Diese Verträge sind seit spätestens 2018 nicht mehr viel wert. Vor acht Jahren hat der Oberste Gerichtshof in Israel entschieden, dass Khan al-Ahmar geräumt werden kann. Die Gebäude hätten keine Baugenehmigung. Dass das nicht gleich passiert ist, lag auch am internationalen Druck. Eine Räumung des Beduinendorfs gilt als völkerrechtswidrig, immer wieder kamen Botschafter, beispielsweise aus EU-Ländern hierher zu Solidaritätsbesuchen.
Die Furcht vor internationalem Protest hatte israelische Regierungen bisher davon abgehalten, die Gebäude abzureißen und die Bewohner hier zu vertreiben. Doch seit dem 7. Oktober 2023 habe sich hier kein Botschafter mehr sehen lassen, sagt der Dorfälteste.
Bedrohung für Dorf nimmt zu
Und dann hat Israels rechtsextremer Finanzminister Bezalel Smotrich vor wenigen Tagen die Räumung angeordnet. Jeden Tag rechnen sie jetzt damit, dass die Bagger anrücken. Eid Jahlin berichtet, dass seitdem schon die Bedrohung durch jüdische Siedler, die in der Nähe wohnen, zugenommen hat: „Die Übergriffe nahmen zu. Sie sagen, nun ist die Entscheidung gefallen. Jetzt will ich, dass ihr dieses Land verlasst; wenn das Militär kommt und die Gebäude abreißt, will ich dabei sein.“ Sie würden Tiere und Schafe stehlen, Kinder in der Schule schlagen, die Lehrer angreifen und obszöne Dinge sagen. „Sie drehen den Leuten das Wasser ab, die Solaranlagen, die alternative Stromversorgung.“
Seit Jahren ist Khan al-Ahmar ein symbolischer Ort für das Fortschreiten der israelischen Besatzung des Westjordanlandes. Etwa 14 Kilometer östlich von Jerusalem gelegen, soll hier die Grenzanlage erweitert werden. Gleich nebenan soll nun das Siedlungsbauprojekt E1 ausgebaut werden. Das Ziel hat Finanzminister Smotrich vor kurzem klar formuliert: Das Westjordanland soll in zwei Hälften zerschnitten, ein palästinensischer Staat unmöglich gemacht werden. Deshalb sollen die Bewohner von Khan al-Ahmar weg.
Internationale Aufmerksamkeit als letzte Chance
Man könne den illegalen Außenposten sehen, der das Leben und die Sicherheit der Menschen hier einschränkt. „Was aber einzigartig war: Das ist eine andere Methode. Hier gab es nur die ausgesprochene Erklärung eines israelischen Ministers über die gewaltsame Vertreibung“, sagt Shay Parnes von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem.
Und er erklärt, warum die Räumung von Khan al-Ahmar so bedeutsam ist:
Das hat nicht nur Einfluss auf das Selbstbestimmungsrecht von Palästinensern. Es ist auch, was Israel tut, um die Bevölkerung aufzuteilen, Palästinenser zu kontrollieren und auf eine Art auch, Palästinenser als ein Volk auszulöschen; ihre Möglichkeit zu kommunizieren, zu arbeiten und zu reisen, ihre Familien zu besuchen, auf beiden Seiten dessen, was das nördliche und das südliche Westjordanland sein werden.
Eid Jahlin bestätigt das. Die einzige Chance, die seine Dorfgemeinschaft noch hat, ist internationale Aufmerksamkeit. Dabei ist der Lebensraum hier schon viel kleiner geworden, wegen der Siedlungen in der Nähe. Früher hatten sie hier bis zu 6.000 Schafe, jetzt sind es noch rund 1.000 – und selbst die müssen im Stall bleiben, für teures Geld gefüttert werden. Das entzieht den Menschen in Khan al-Ahmar die Lebensgrundlage.
Shay Parnes von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem sieht die Räumung des Dorfes kritisch.
Das letzte palästinensische Dorf
Doch immerhin sind heute Menschenrechtsgruppen gekommen: eine christliche Delegation aus Jerusalem ist da und es kommen israelisch-jüdische und palästinensische Vertreter der Organisation „Parent Circle“, Angehörige von Opfern auf beiden Seiten von Gewalt im Nahostkonflikt.
Eid Jahlin, der Dorfälteste, führt mit allen Gespräche, ist dankbar für den Besuch. Es sei wichtig für die ganze Welt – nicht nur für Khan al-Ahmar. Es sei das einzige noch existierende Dorf auf der Strecke zwischen Jerusalem und dem Toten Meer – das einzige palästinensische Dorf. „Sollten sie dieses Dorf zerstören, würden sie die Siedlungen Kfar Adumim und Alon mit Ma’ale Adumim und einem Industriegebiet verbinden – und damit einen Gürtel bilden, der Jerusalem von Osten her umschließt. Zweitens würden sie das Westjordanland in einen nördlichen und einen südlichen Teil zerschneiden. Daher ist das wichtig – für mich, für die Palästinenser und für die gesamte Welt“, erklärt Eid Jahlin.
Kleiner Ort mit großer Bedeutung
Im Kleinen ist Khan al-Ahmar ein wichtiges Zentrum für die umliegenden beduinischen Siedlungen. Es gibt hier eine Schule, auf die etwa 180 Kinder gehen, es gibt eine Moschee und ein Gesundheitszentrum. Im Großen steht der Ort für das Schicksal, das viele palästinensische Gemeinden im Westjordanland in den letzten Jahren schon ereilt hat.
Laut B’Tselem wurden seit dem 7. Oktober 2023 bereits 68 palästinensische Gemeinschaften durch Siedler und das israelische Militär geräumt. Mehr als 4.000 Menschen wurden vertrieben, dazu kommen Tausende weitere Menschen, die in mehreren Flüchtlingslagern im Norden des Westjordanlands gelebt haben, die Israels Armee geräumt hat. Ähnliches droht nun auch Khan al-Ahmar.
Auch Ahmed Jahlin ist nicht bereit aufzugeben.
Auch Ahmed Jahlin ist heute hier, er trägt traditionelle Kleidung und einen eindrucksvollen Bart. Er lebt mit seiner Familie nicht mehr dauerhaft hier, es gebe in Khan al-Ahmar keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr, sagt er. Aber er kommt so oft es geht, will um sein Heimatdorf kämpfen.
„Was die kommenden Tage betrifft, so wissen wir nicht, was geschehen wird; alles liegt in Gottes Händen“, sagt Ahmed Jahlin. „Seit 2018 durchleben wir schwere Zeiten, und Tag für Tag heißt es, es stünden Abrisse bevor. Doch wir bleiben standhaft und harren aus; wir haben keinen anderen Ort als diesen hier. Selbst wenn sie unsere Häuser abreißen werden, werden wir dennoch hierbleiben. Wohin sollten wir auch gehen? Es gibt keinen Ort, an den man uns von hier fort bringen könnte – wo wir geboren wurden und wo wir sterben werden.“

