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XXL-Turnier, DFB-Chancen, Trump: WM der Widersprüche beginnt: Der Fußball ringt um seine Bestimmung

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 11, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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104 Spiele, 48 Nationen, 16 Stadien, vier Zeitzonen: Die XXL-WM in den USA, Mexiko und Kanada beginnt, doch neben dem schönsten Spiel der Welt stehen auch Trump und Co. im Fokus. Was kann die DFB-Elf erreichen im Turnier, das den Fußball zu zerreißen droht?

Jetzt geht es also los. Viel ist in den vergangenen Monaten diskutiert worden, und nicht alles war für das Gesellschaftsspiel Fußball erfreulich. Nun aber rollt der Ball: Die Fußball-WM 2026 beginnt mit dem Auftaktspiel zwischen Mexiko und Südafrika im legendären Aztekenstadion im Süden der 22-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt. Seit Tagen fiebert sie den Auftakt herbei und doch kann sie das Turnier nicht genauso umarmen, wie es das gesamte Land bei den vorherigen Austragungen 1970 und 1986 getan hat.

Die Mega-WM in Mexiko, Kanada und den USA ist bereits vor Anpfiff ein Turnier voller Widersprüche, die das schönste Spiel der Welt zu zerreißen drohen. Bislang hat sich der Fußball immer wieder durchsetzen können, doch ob der Ausbeutung des Spiels durch die FIFA um ihren Alleinherrscher Gianni Infantino macht sich Erschöpfung breit. Auch Infantino wirkt längst nicht mehr so souverän. Das zeigte seine Pressekonferenz am Vorabend der WM.

104 Spiele, 48 Nationen, 16 Stadien, vier Zeitzonen und drei Austragungsländer: Es ist das bislang größte Weltturnier. Und es sorgt bei zahlreichen Fußball-Fans weltweit für ein Übersättigungsgefühl. Vielen wird es schwerfallen, sich trotz überwältigender Erinnerungen an die großen, weltvereinenden Momente dieses gigantischen Spektakels auf das Turnier einzulassen. Einer dieser Momente trug sich am Ort des Eröffnungsspiels der WM 2026 zu.

DFB-Elf kein Topfavorit mehr

Als Romualdo Arppi Filho vor 114.600 frenetischen Fans das WM-Finale 1986 abpfiff, schlich die deutsche Nationalmannschaft nach der dramatischen 2:3-Pleite gegen Argentinien geknickt vom Platz des Aztekenstadions. Bis heute war dies das letzte WM-Spiel im Fußballtempel, dem einzigen Stadion weltweit, in dem zwei WM-Endspiele (1970/1986) und nun drei Eröffnungsfeiern stattfanden.

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Die DFB-Elf muss gegen Curaçao, die Elfenbeinküste und Ecuador zwar nicht in der mexikanischen Hauptstadt ran, hätte gegen ein weiteres Finale (diesmal allerdings in New York City) jedoch sicherlich nichts einzuwenden. Allein: Der Weg dorthin ist beschwerlich, schon im Achtelfinale könnte mit Frankreich einer der Topfavoriten winken.

Dazu gehört Deutschland nicht, dafür zum erweiterten Kreis. Gerade das Offensiv-Trio Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz könnte beim Turnier für Furore sorgen. Im eigenen Sechzehner geht es vor allem um die Handschuhe der Nation: Der von Bundestrainer Julian Nagelsmann kurzfristig zurückberufene Manuel Neuer soll ganz ohne Qualifikations- oder Vorbereitungsspiel den Kasten sauber halten. Mit einem guten, aber nicht sehr guten Kader wäre das Erreichen des Halbfinals schon ein großer Erfolg.

Weltweite Kritik für die FIFA

Nur 13 der 104 Spiele werden im Land des Co-Gastgebers Mexiko ausgetragen. Nach einem Achtelfinale am 5. Juli verlässt der FIFA-Tross das Land, das sich vor dem Turnier nur so halb auf die WM einlassen konnte. In der Hauptstadt Mexiko-Stadt nutzten in den vergangenen Wochen zahlreiche Gruppierungen das Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit für ihre Proteste, die immer am Rande der Eskalation standen. Präsidentin Claudia Sheinbaum wird vorgeworfen, die zahlreichen Konflikte nicht frühzeitig vor dem Turnier gelöst zu haben. So machten in den Tagen vor dem Turnier insbesondere die Proteste einer Lehrergewerkschaft Schlagzeilen. Diese waren teils gewalttätig und führten zu Tränengaseinsätzen der Polizei.

Trotz des Eröffnungsspiels wird Mexiko bei diesem Turnier eine Randfigur bleiben. Andere, ebenfalls nicht sportliche Themen, überlagern die 90 Minuten auf dem Platz. Auch dafür hat der Weltverband FIFA gesorgt.

Weltweite Kritik heimste die FIFA ein, weil sie die Preise für WM-Tickets ins Unermessliche trieb. Eine europäische Fanorganisation und ein Verbraucherschutzverband legten daraufhin bei der EU-Kommission offiziell Beschwerde ein, auch zwei Generalstaatsanwältinnen in den USA ermitteln wegen überhöhter Preise gegen die FIFA. Die günstigsten Vorrundentickets waren nur sehr ausgewählt zu haben und schnell vergriffen, die meisten kosten weit über 1000 Dollar, die Finaltickets ein Vielfaches davon. Hinzu kommt eine dynamische Preisgestaltung.

Ob es trotz dieses Ausverkaufs des Fußballs zu einer echten WM-Stimmung im sich über drei Länder erstreckenden XXL-Turnier kommt, bleibt fraglich. In den USA treiben die Menschen die Krise der Lebenshaltungskosten – die Inflationsrate erreichte im Mai ein Dreijahreshoch -, eine schwache Wirtschaft und hohe Tankpreise um, und sportlich regieren American Football, Basketball, Baseball und Eishockey.

Trump macht die WM zur Waffe

Infantino jubelt dafür schon seit Jahren Seite an Seite mit Donald Trump über die WM in den USA. Der FIFA-Boss und der US-Präsident schmeichelten sich so lange gegenseitig ein, bis Infantino Trump als Krönung den FIFA-Friedenspreis überreichte.

Auch in den Vereinigten Staaten kann dieses Turnier nicht ohne politische Nebenkriegsschauplätze betrachtet werden. Die FIFA proklamiert die „inklusivste WM aller Zeiten“, doch gegen 39 Länder hat die Trump-Regierung Einreiseverbot verhängt, darunter auch WM-Teilnehmer wie Haiti und Iran. Spontan gibt es nun auch keine Visa für Personen aus der Elfenbeinküste, zuvor hatte es geheißen, für Senegal und Elfenbeinküste gelten strenge Auflagen. Nicht nur Fans dürfen nicht einreisen, teilweise müssen auch Offizielle und Schiedsrichter, wie Omar Artan aus Somalia, draußen bleiben. Mit dem Iran befinden sich die USA sogar im Krieg, was einmalig für einen Gastgeber in der WM-Geschichte ist, und zu großer Anspannung und Unsicherheit führt.

Trump politisiert die WM, macht sie zur Waffe. Etwa im Sinne seiner brutalen und entmenschlichenden Anti-Immigrationsagenda, wenn er möglicherweise Agenten seiner Einwanderungs- und Zollbehörde ICE zu den Stadien und Fanfesten schickt. In Interviews mit ntv.de erkannte Human Rights Watch diesbezüglich eine „potenzielle Menschenrechtskatastrophe“, und Amnesty International warnte vor „Angst und Schrecken“ durch die ICE-Behörde bei der WM.

Wer wird Weltmeister?

Welche Auswirkungen all die politischen Verwerfungen auf das Machtgebäude FIFA und ihren Präsidenten haben werden, wird in den kommenden Wochen genau zu beobachten sein. Die Macht Infantinos beruht auf den Milliarden, die der Weltverband mit dem Turnier schöpft und an die Mitgliedsverbände weiterreicht. Doch Trumps Griff auf den Fußball hat einige dieser Verbände verschreckt.

Sportlich ist das Turnier offen wie wohl noch nie. In der Vorbereitung hat sich kein großer Favorit herausbilden können. Mit Frankreich und Spanien gehören zwei europäische Nationen zu den dringlichsten Bewerbern um den goldenen FIFA-WM-Pokal. Ihre mit Superstars gespickten Teams konkurrieren dabei auch mit Titelverteidiger Argentinien und dem ewigen Geheimtipp Portugal. Für beide Länder und den Rest der Welt heißt es auch Abschied nehmen von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Die beiden Dominatoren des Weltfußballs spielen ihre letzte WM, 20 Jahre nach ihren jeweiligen Debüts bei der WM 2006 in Deutschland.

Mit Ralf Rangnick und Thomas Tuchel stehen neben Bundestrainer Nagelsmann auch zwei weitere deutsche Trainer im Blickpunkt. Rangnicks Österreicher werden es kaum bis tief in den Juli schaffen, anders als Tuchels Engländer. Die Three Lions wollen ihre 60 Jahre des Schmerzes in diesem Sommer beenden. Dafür hat Tuchel bei der Kadernominierung unpopuläre Maßnahmen getroffen und sein Team komplett auf Superstar Harry Kane ausgerichtet. Der Stürmer des FC Bayern hat in den vergangenen Jahren seine ersten Titel auf Klubebene gewonnen, nun soll seine Karriere gekrönt werden.

Neben den Europäern, auch mit den Geheimtipps Norwegen und Türkei, ist viel von den südamerikanischen Teams wie Ecuador und Brasilien zu erwarten. Wie weit es die afrikanischen Teams diesmal schaffen werden, ist vollkommen offen. Mit Marokko, dem Senegal und der Elfenbeinküste sind gleich drei Teams zu beachten. Auch Japan könnte für eine Überraschung sorgen. Dazu gibt es mit dem Sechzehntelfinale erstmals eine K.-o.-Runde mehr und Topnationen bietet sich eine Gelegenheit mehr, weit vor dem Finale zu stolpern.

Neue Regeln bei dieser WM

Für Zuschauer und Spieler ist dies auch ein Turnier der Veränderung. Erstmals werden alle Spiele in vier Viertel unterteilt. Neben der üblichen Halbzeitpause hat die FIFA rund um die 22. und die 67. Spielminute verpflichtende, dreiminütige Trinkpausen eingeführt. Das soll dem Schutz der Spieler vor der Hitze in den teils offenen Stadien dienen, ermöglicht den übertragenden Sendern durch die Hintertür aber auch neue Werbemöglichkeiten während des Spiels. Die Hitze und mögliche Unwetter in Stadionnähe können ebenfalls zu Endlos-Spielen führen. Bei Gewitterwarnungen dürfen die in den USA ausgetragenen Partien in den Stadien ohne Dach nicht fortgeführt werden.

Andere Neuerungen betreffen unter anderem Auswechslungen, bei denen Zeitlimits eingeführt werden, Anpassungen beim VAR, Behandlungspausen der Spieler und das Zeitspiel.

Nun beginnt sie, die Mega-WM. Neben dem Sportlichen, neben der Frage, wer am 19. Juli den goldenen Pokal in den Abendhimmel von New York recken darf, stehen aufgrund von Trump, Infantino und der politischen Lage weitere Themen im Vordergrund: Für wen ist das Turnier wirklich? Wer kann es genießen? Wer wird darunter leiden? Das schönste Spiel der Welt ist längst auch das politischste Spiel der Welt geworden.

Verwendete Quelle: ntv.de

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