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Warum wir uns küssen – n-tv.de

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 6, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Lippenbekenntnisse im WandelWarum küssen wir eigentlich?

06.07.2026, 09:37 Uhr Von Anna Kriller
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Beim Küssen tauschen wir 80 Millionen Bakterien aus. Gesund ist es trotzdem. (Foto: IMAGO/Westend61)

Mehr als 90.000 Küsse erlebt man in seinem Leben – doch warum küssen Menschen eigentlich? Ein neues Buch erklärt, was es mit der Knutscherei auf sich hat, was ein Kuss über potenzielle Partner und die Gesellschaft verrät – und warum andere Kulturen darauf verzichten.

Wir tun es zur Begrüßung, zum Abschied, bei unseren Kindern und Eltern, bei Freunden, Partnern und beim Sex: Wir küssen. Bis zu unserem 70. Lebensjahr sogar rund 90.000-mal. Ein Kuss ist eigentlich keine große Sache, andererseits kann er wahnsinnig intim sein.

Aber warum küssen wir überhaupt? Dieser und vielen anderen Fragen rund um den Kuss hat sich Ulrike Zeitlinger in ihrem Buch „Kiss me, Baby!“ (Piper) gewidmet.

Ein Kuss kann vieles ausdrücken: Freundschaft, familiäre Bindung, Liebe, Freude, sexuelle Anziehung. Mit ihm kann man jemandem seinen Respekt erweisen, wie Männer gleichen Ranges es im antiken Persien zur Begrüßung taten. Man kann sich unterwerfen wie bei den Küssen der Vasallen gegenüber ihren Lehnsherren im Mittelalter. Und ein Kuss kann politisch verbinden wie bei dem auf der Berliner Mauer verewigten Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker im Jahr 1979. Zudem hilft er bei der Partnerwahl und ist gesund, außer er führt direkt zum Tod – entweder durch Verrat wie bei Jesus und Judas oder durch einen allergischen Schock.

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Der Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker lässt sich an der Berliner East Side Gallery bewundern. (Foto: picture alliance / Schoening)

Zu welchen Zwecken Küsse seit Jahrtausenden genutzt werden, zeigt Journalistin und Buchautorin Ulrike Zeitlinger in ihrem Buch anhand von verschiedenen Beispielen. Die Frage, warum wir damit überhaupt angefangen haben, ist etwas schwieriger zu beantworten. „Sehr verbreitet ist die These, dass das Küssen sich aus dem gegenseitigen Beschnüffeln entwickelt hat“, erklärt Zeitlinger im Interview mit ntv.de. „Aneinander riechen, um sich zu erkennen, haben wir von unseren frühesten Vorfahren übernommen. In manchen Gegenden entwickelte sich die intime Geste nach und nach weiter zum Lippenkuss. In manchen Regionen – wie beispielsweise bei den Maori oder Inuit – ist Riechen am Gesicht des Gegenübers als Ausdruck von Vertrauen und Wiedersehensfreude bis heute Usus.“

Riechen, füttern, küssen

Eine weitere bekannte Theorie sei, dass sich heutige Küsse aus der sogenannten Kuss-Fütterung (Food-Kissing) entwickelt haben, also aus der Art, mit der Mütter früher – und in manchen Kulturen auch heute noch – ihre Babys fütterten. Sie kauten die Nahrung für ihren Nachwuchs vor und fütterten sie dann von Mund zu Mund. Auch der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud glaubte, dass das Küssen aus der Beziehung zwischen Mutter und Kind entstand, allerdings mit einer sexuelleren Note: „Er vermutete, dass das Saugen an der mütterlichen Brust dem Baby einen derart großen Genuss verschaffe, dass sich der Erwachsene auch später nach jener oralen Befriedigung sehne“, erklärt Zeitlinger. „Zeitlebens würde man darum versuchen, dieses Verlangen mit Küssen zu stillen.“

Laut einigen Anthropologen könnten sich Küsse zudem als psychologisches „Tool“ entwickelt haben, das Frauen dabei helfe, geeignete Väter zu erkennen und an sich zu binden. Der Kuss soll damit Auskunft darüber geben, ob ein potenzieller Vater die drei wesentlichen Faktoren für das menschliche Fortbestehen erfülle: sexuelles Begehren, romantische Liebe und die Sicherheit, den Nachwuchs gemeinsam aufzuziehen. Küssen sei demnach eine evolutionäre Strategie, um unbewusste Informationen über die genetische Kompatibilität eines potenziellen Partners zu erhalten und seine Gesundheit sowie den hormonellen Status zu prüfen. All dies geschehe vor allem über unseren Geruchssinn.

Wie das Küssen, wie wir es heute kennen, letztendlich entstanden ist, lässt sich also nicht final sagen. Wie Zeitlinger in ihrem Buch erklärt, haben sich die Wissenschaftler darauf geeinigt, dass sich die verschiedenen Kusswege parallel zueinander entwickelt haben könnten – und dass jeder ein bisschen recht hat. Neben dem erotischen Kuss – der laut zwei dänischen Forschern übrigens seit mindestens 4500 Jahren praktiziert wird – haben sich so verschiedenste Arten des Küssens etabliert: „der familiäre Kuss, der Wangenkuss unter Freunden, der Kuss aus religiöser Ehrfurcht oder als Vertrauensbeweis zwischen politisch Verbündeten. Wir küssen auch Verstorbene zum Abschied, Pokale und Medaillen aus Euphorie, Füße als Fetisch und die Hand einer Dame aus Respekt“.

Kulturen ohne Kuss

Den Kuss auf die Hand oder den Kopf kennen auch Kulturen, die den erotischen Kuss eher ablehnen. Denn „entgegen der häufigen Annahme ist ‚unsere‘ Art zu küssen längst keine globale Angelegenheit“, weiß Zeitlinger. „US-Forscher stellten fest, dass der Kuss, wie wir ihn kennen, nur bei etwa 46 Prozent der untersuchten 168 Kulturen üblich ist.“ So werde zwar in Nordamerika und Europa gerne, oft und ausgiebig geküsst, in afrikanischen Kulturen südlich der Sahara, in Papua-Neuguinea oder in Zentralamerika spiele der mit Liebe und Sexualität verbundene Kuss jedoch keine Rolle.

Und nicht nur das, in einigen Ländern wie bei den südafrikanischen Thonga-Völkern oder in China wurde das „westliche“ Küssen Ende des 19. Jahrhunderts noch als ungehobelt oder als Ausdruck des Kannibalismus wahrgenommen. Auch heute gilt das öffentliche Küssen in China als unangebracht. Der indigenen Bevölkerung der Trobriand-Inseln ist das Küssen, wie wir es kennen, hingegen vermutlich viel zu langweilig. Hier wird kräftig an der Zunge des anderen gelutscht, auf die Lippen gebissen und anschließend mit den Zähnen an den Wimpern des anderen geknabbert, teilweise werden diese sogar ausgerissen.

So unterschiedlich man in den verschiedenen Kulturen küsst, so unterschiedlich verbreitet, offen oder gar unter Strafe gestellt war auch das Küssen im Laufe der Epochen. „Meist besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Offenheit gegenüber Küssen und der vorherrschenden Religion und ihren Werten“, sagt Zeitlinger. Küssen habe sich historisch immer mit der gesellschaftlichen Offenheit verändert, die jeweilige Gesellschaft quasi gespiegelt. „Daher hatte es der Kuss im Alten Rom leichter als im kirchlich geprägten Mittelalter. Das Nachkriegsdeutschland war spießig, muffig, verklemmt, und erst die 68er und ihre sexuelle Revolution haben das verändert.“ Je freier eine Gesellschaft mit Körperlichkeit umgehe, desto selbstverständlicher werde laut Zeitlinger auch geküsst. „Gerade heute erleben wir noch einmal eine neue Offenheit, auch im Umgang mit Geschlechterrollen, gerade in der Gen Z.“

Gibt es den perfekten Kuss?

Bei aller aktuellen Offenheit beim Küssen – den perfekten Kuss scheint es nicht zu geben, die Geschmäcker sind zu individuell. Ein paar essenzielle Grundzutaten sollte jeder Kuss aber dennoch haben: „Ein guter Kuss ist eine Mischung aus Gefühl und Leidenschaft, aus Geben und Nehmen“, sagt Zeitlinger. „Ein sinnliches Spiel, bei dem jeder der Küssenden mal die Führung übernimmt und sich dann wieder ganz hingibt. Frauen wie Männer mögen weiche, gepflegte Lippen und angenehmen Atem.“ Wer die Kunst des Küssens aber wirklich beherrschen wolle, der müsse sich vollkommen auf den Moment einlassen.

Das sollte man sich auch in längeren Beziehungen immer wieder ins Gedächtnis rufen. Denn, auch wenn man das Bindungshormon Oxytocin, das uns ein Gefühl von Geborgenheit, Vertrauen und Verbundenheit gibt, nach zehn glücklichen Ehejahren nicht mehr so sehr brauche wie in der ersten Dating-Phase, werden Beziehungen laut Zeitlinger positiver bewertet, wenn mehr geküsst werde. Zudem reduziere das Küssen Stress, stärke unser Immunsystem und mache glücklich – und das ist doch eigentlich schon Grund genug.

Quelle: ntv.de

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