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Politik

Trump, Infantino und warum die FIFA eine Rotsperre aufhebt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 6, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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FAQ

Stand: 06.07.2026 • 10:26 Uhr

Die FIFA setzt eine Rotsperre für einen US-Spieler wenige Stunden vor dem WM-Achtelfinale zur Bewährung aus. Wie kann das sein und welche Rolle spielt ein angeblicher Anruf von US-Präsident Trump bei FIFA-Boss Infantino?

Die Ausgangslage

Bis gestern war die Lage eigentlich ziemlich klar: Beim Sieg des US-Teams über Bosnien und Herzegowina sah Torjäger Folarin Balogun die Rote Karte nach einem Foul. Platzverweis und ein Spiel Sperre, wie es Artikel 66.4 des FIFA-Disziplinarreglements vorsieht. Der 25-Jährige sollte den USA damit am Dienstag (2 Uhr MESZ) im Achtelfinale gegen Belgien fehlen. Doch nun die Kehrtwende: Balogun darf doch spielen, seine Sperre ist aufgehoben, die Strafe zur Bewährung ausgesetzt – ein Novum bei dieser WM. Vorausgegangen war offenbar ein Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Boss Gianni Infantino. Normal oder Skandal? Ein Überblick.

Was genau ist passiert?

Am vergangenen Dienstag spielten die USA im Sechzehntelfinale gegen den Außenseiter Bosnien und Herzegowina – und gewannen mit 2:0, auch dank eines Tores von Folarin Balogun. In der 64. Minute war für den US-Top-Torjäger aber Schluss. Balogun hatte seinen Gegenspieler Tarik Muharemovic in einem Zweikampf hart, aber offensichtlich unabsichtlich getroffen. Schiedsrichter Raphael Claus aus Brasilien schaute sich die Szene noch einmal an und entschied dann auf Rot. Eine umstrittene Entscheidung. Doch während der Partie in Santa Clara wurde sie offensichtlich für richtig befunden, schließlich wurde sie erst nach Überprüfung durch den Video Assistant Referee (VAR) verteilt.

Für US-Trainer Mauricio Pochettino eine klare Fehlentscheidung: „Für mich ist das niemals eine Rote Karte. Das war niemals Absicht“, sagte er und bekam Zuspruch von einem früheren Topschiedsrichter. „Das ist kein guter Einsatz des VAR. Das war ein Unfall und für mich keine Rote Karte“, sagte der Engländer Mark Clattenburg beim amerikanischen Sender Fox.

Für den Co-Gastgeber wäre das Fehlen ihres besten Torschützen im Achtelfinale gegen Belgien durchaus ein gravierendes Problem. Der zentrale Angreifer ist kaum zu ersetzen. Fast eine Woche musste das US-Team aber entsprechend planen – bis jetzt die überraschende FIFA-Entscheidung kurz vor dem Achtelfinale wieder alles ändert. Übrigens auch für Gegner Belgien, der von einem „Aprilscherz“ spricht.

Warum ist Balogun nun doch spielberechtigt?

Das würden die Belgier auch gern wissen. Die FIFA verwies auf Artikel 27 des Disziplinarreglements, wonach die Durchführung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise ausgesetzt werden kann. Baloguns Sperre werde für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt. Sollte sich der Angreifer in dieser Zeit „einen weiteren Verstoß gleicher Art und Schwere“ erlauben, werde die Sanktion vollstreckt. Sollte sich Balogun bei dieser WM kein weiteres Vergehen leisten, steht schon jetzt fest, dass die Strafe dann zu einem Zeitpunkt folgen würde, der nicht annähernd so wichtig ist wie nun beim Achtelfinale gegen Belgien.

Welche Rolle spielte US-Präsident Trump?

Berichten zufolge rief Trump bei FIFA-Chef Infantino an, um sich für eine Aussetzung der Rotsperre von Balogun einzusetzen. Dies berichteten übereinstimmend The Athletic, die New York Times und die Nachrichtenagentur AP. Demzufolge bestätigten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen den ungewöhnlichen Ablauf. Weder die FIFA noch das Weiße Haus haben die Information bislang kommentiert.

Wenige Stunden zuvor hatte der Weltverband mitgeteilt, dass Balogun trotz seiner Roten Karte spielen darf. Trump meldete sich umgehend über Truth Social, als die FIFA Balogun für spielberechtigt erklärte. „Vielen Dank an die FIFA, dass ihr das gemacht habt, was richtig ist und eine große Ungerechtigkeit wiedergutgemacht habt.“ Dahinter schrieb er: „Präsident DONALD J. TRUMP.“

Trump und Infantino – eine bedenkliche Nähe?

Der US-Präsident und der FIFA-Boss pflegen eine enge Beziehung. Aus Sicht ihrer Kritiker haben Trump und Infantino vor allem eines gemeinsam: Sie wollen mit der Fußball-Weltmeisterschaft Geld und Ruhm mehren. Infantino bediente Trumps Verlangen nach Schmeicheleien und verlieh dem Präsidenten kurz vor Weihnachten einen selbst erfundenen FIFA-„Friedenspreis“, offenbar als Trost für den entgangenen Friedensnobelpreis. Infantino begleitete Trump bei Staatsbesuchen in Katar und Saudi-Arabien und zu einem Friedensgipfel für den Krieg in Gaza. Im Gegenzug feiert Trump den FIFA-Chef als „Gewinner“. Zum WM-Finale am 19. Juli rollt Infantino dem Präsidenten noch einmal den roten Teppich aus. Er wolle der Siegermannschaft den „magischen“ WM-Pokal gemeinsam mit Trump im MetLife-Stadion im Bundesstaat New Jersey überreichen, kündigte der FIFA-Chef an.

Schon im Vorfeld der WM fand ein Weltmeister-Kapitän klare Worte: „Am bedenklichsten ist Gianni Infantinos Nähe zu Machthabern wie Donald Trump“, schrieb Philipp Lahm in der Zeit. „Man hegt den Verdacht, dass sie persönliche Vorteile aus ihren Ämtern ziehen. Die WM wird verkauft. Das raubt dem Fußball Glaubwürdigkeit.“

Gab es die Aufhebung einer Rotsperre schon einmal?

Die Aufhebung einer Sperre nach einer Roten Karte ist bei diesem Turnier ein Novum. Der Vorgang an sich erinnert an die WM 1962, als der Brasilianer Garrincha im Halbfinale Rot sah – und im Endspiel wenige Tage später trotzdem spielen durfte.

Zuletzt machte die FIFA im Vorjahr von Artikel 27 Gebrauch. Portugals Superstar Cristiano Ronaldo sah im vorletzten Quali-Spiel gegen Irland eine Rote Karte für einen Ellbogenschlag. Der Weltverband sperrte Ronaldo zunächst für drei Partien. Er verpasste jedoch nur ein Spiel – die beiden weiteren Partien setzte die FIFA schließlich zur Bewährung aus, sodass Ronaldo ab dem WM-Auftakt in den USA zur Verfügung stand. Der Unterschied ist: Bei Ronaldo wurde die Sperre über den Regelpassus nur verkürzt, bei Balogun nun de facto aufgehoben.

Wie fallen die Reaktionen aus?

WM-Gegner Belgien hat mit „Erstaunen“ auf die plötzlich erlassene Sperre reagiert und weitere Konsequenzen nicht ausgeschlossen. „Um die legitimen Rechte aller teilnehmenden Mannschaften zu wahren und die Grundprinzipien des Fair Play“ zu schützen, prüfe der belgische Verband alle Optionen, wie er gestern in einer Stellungnahme mitteilte.

Der womöglich künftige Bundestrainer Jürgen Klopp reagierte wütend: „Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben, das ist verrückt. Das stellt alles infrage“, so Klopp bei Magenta TV.

Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel warnte davor, einmal getroffene Schiedsrichter-Entscheidungen zu revidieren: „Wer kippt diese Entscheidung dann – und wann? Und auf welcher Grundlage? Wie weit geht das jetzt? Wir wollen einfach Konsistenz in den Entscheidungen haben“, mahnte er. „Legen wir jetzt Berufung ein, wenn eine Gelbe Karte keine Gelbe Karte ist?“ Man könnte jetzt endlos debattieren, so Tuchel.

Jubel dagegen beim Trainer der USA: „Es ist eine fantastische Entscheidung, nicht nur für uns, sondern für den Fußball“, erklärte Pochettino.

Auch Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter meldete sich zu Wort: „Rote Karten werden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben. Sie werden auf der Grundlage von Regeln, Beweisen und durch unabhängige Gremien revidiert. Wenn ein US-Präsident beim FIFA-Präsidenten interveniert – und ein Spieler plötzlich vor einem K.-o.-Spiel der Weltmeisterschaft freigesprochen wird -, stellt sich unweigerlich die Frage: Quo vadis, FIFA?“, schrieb Blatter bei X.

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