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Reisners Blick auf die Front: „Die Russen stehen unter Zeitdruck“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 13, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Reisners Blick auf die Front„Die Russen stehen unter Zeitdruck“

13.07.2026, 18:47 Uhr Interview: Frauke Niemeyer
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Ein russischer Soldat startet eine Drohne in der Region Saporischschja. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Der Krieg in der Luft wird immer heftiger. Warum das einen Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine wahrscheinlicher macht, erklärt Oberst Reisner im Gespräch mit ntv.de.  

ntv.de: Oberst Reisner, Donald Trump hat letzte Woche mit Wladimir Putin telefoniert und fand das Gespräch „sehr gut“. Nun stimmt er zu, dass Deutschland der Bedrohung durch russische Raketen in Kaliningrad mit amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern begegnet. Passt das zusammen?

Markus Reisner: Bislang stand der US-Präsident mit Blick auf Tomahawks immer auf der Bremse und hat die verabredete Stationierung der Marschflugkörper in Deutschland wieder abgesagt. Interessant ist die Frage, warum er seine Haltung jetzt ändert. Aus meiner Sicht hängt das mit den Ereignissen im Iran-Krieg zusammen: Das iranische Regime gibt nicht nach, die gegenseitigen Raketen- und Luftangriffe starten wieder, die Straße von Hormus bleibt unsicher. Trump erkennt, dass er im Nahen Osten nicht weiterkommt und hofft nun, stattdessen mit der Ukraine einen Erfolg einzufahren. Schließlich sieht er auch, dass die ukrainische Armee in den vergangenen Wochen und Monaten Erfolge vermelden konnte. Vor allem mit den Drohnenangriffen über mittlere und lange Strecken, für die die Ukraine auf KI von US-Unternehmen und auf Aufklärungsdaten der CIA zurückgreift.

Der Tomahawk-Verkauf wäre damit – neben einem guten Geschäft für die US-Rüstungsindustrie – auch weiterer Druck auf Putin?

Als Ergänzung zur direkten Unterstützung der Ukraine durch die CIA-Datensätze sowie die Zielaufklärungs-Software einiger US-Techgiganten käme die indirekte Unterstützung der Ukraine dazu, indem man Waffenlieferungen nach Europa zulässt, die für Russland bedrohlich sind. US-Außenminister Marco Rubio hat das beim Nato-Gipfel in Ankara klar ausgesprochen. Das Ziel, so sagte er, sei eine „kontrollierte Eskalation“. Das bedeutet, die USA üben Druck auf Russland aus in der Hoffnung, die Russen bis spätestens Ende des Jahres an den Verhandlungstisch zu bringen. Ob das funktioniert, sei mal dahingestellt. Aber das ist der Hintergrund.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Trump äußerte sich nach dem Telefonat mit Putin sehr optimistisch. Die Lösung des Konfliktes sei näher, als viele glaubten. Die Ukrainer sehen das viel nüchterner, oder? In Kiew will man vor allem den nächsten Winter überleben.

Beiden Seiten läuft die Zeit davon. Die Ukrainer wissen, dass die Russen im Winter wieder mit ihrer strategischen Luftkampagne gegen die kritische Infrastruktur beginnen werden. Erinnern Sie sich, im Januar hatte die Ukrainer keine Patriot-Munition mehr, um die russischen Marschflugkörper und ballistischen Raketen abzuschießen. Das führte sofort dazu, dass die drei wichtigsten Heizkraftwerke Kiews beschädigt oder gar zerstört wurden. Das sind sie immer noch. Die Ukraine möchte auf jeden Fall vermeiden, dass es wieder zu einem so schweren Winter kommt wie dem letzten. Weil durch das „gläserne“ Gefechtsfeld an der Front kaum Möglichkeiten für Offensiven vorhanden sind, versucht man, durch den strategischen Luftkrieg zu eskalieren.

Ziel wären dann Verhandlungen, die zu einem Waffenstillstand im Luftkrieg führen?

Mal abwarten, ob das gelingen wird. Aber diesen Versuch, die Russen an den Verhandlungstisch zu bringen, den sehen wir jetzt. Da reden wir nicht von einer nachhaltigen Waffenruhe und schon gar nicht von Frieden. Es geht um reinen Waffenstillstand, vor allem im Hinblick auf die gegenseitigen Langstreckenangriffe. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagt das immer wieder, in Richtung Putin erst vergangene Woche: Er sei bereit für einen Waffenstillstand mit Blick auf Langstreckenangriffe.

Und anders als etwa im Winter hat Selenskyj nun auch ein Pfund, mit dem er wuchern kann. Wenn Russland die strategischen Luftangriffe einstellt, tut die Ukraine das auch?

Ja, und die Ukraine setzt wirklich alles daran, diese Erfolge jetzt zu erzielen. Ein gutes Beispiel sind die Luftangriffe gegen die russischen Treibstoff-Konvois aus Südrussland über das Asowsche Meer in Richtung Krim. Die Angriffe der Ukrainer haben die Versorgung über den Landweg nahezu unterbrochen. Die Russen versuchten dann, den Treibstoff mit Tankern übers Wasser zu transportieren. Doch die ukrainische Armee hat es geschafft, in den vergangenen Tagen und Wochen über 90 dieser Tanker zumindest zu beschädigen, teils auch zu versenken. Das ist wirklich bemerkenswert.

Die russische Armee findet darauf weiterhin keine Antwort?

Die Russen suchen verzweifelt und mit unterschiedlichsten Ansätzen danach, aber momentan ist es eine offene Frage, ob sie in der Lage sein werden, sich binnen drei bis sechs Monaten an die neue Bedrohungslage anzupassen. Klassische Antworten sehen wir natürlich bereits, etwa, dass man den Transport dezentralisiert, also kleinere Mengen auf vielen unterschiedlichen Wegen transportiert. Und man darf nicht vergessen: Russland ist riesig und es würde lange dauern, bis die ukrainischen Angriffe den Gegner wirklich in die Knie zwingen. Entscheidend ist aber, was ich schon oft gesagt habe.

Man muss den Erfolg messen können.

Und so ist es inzwischen. Der Erfolg ist messbar, der Schaden für die russische Treibstoffindustrie ist massiv. Anlagen für Erdölproduktion und Lagerstätten erleiden zunehmend irreparable Schäden. Putin selbst war gezwungen, eine Krisensitzung einzuberufen, Kreml-Sprecher Dimitri Peskow nennt den Krieg plötzlich wirklich „Krieg“. Die Russen kommen sichtbar unter Druck. Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass Selenskyj gerade jetzt seine Regierung umbildet und den Verteidigungsminister durch den Innenminister ersetzen will. Das passt nicht ins Bild, denn dieser junge Verteidigungsminister, Mychajlo Fedorow, ist aus meiner Sicht der wesentliche Architekt all dieses messbaren Erfolgs. Möglicherweise ist die Regierung mit dem, was Fedorow erreicht hat, noch nicht zufrieden und möchte höheren Druck aufbauen, weil die Zeit davonläuft. Hinter vorgehaltener Hand wird das in Kiew gerade stark diskutiert.

Äußern sich aber – andererseits – vor allem westliche Beobachter zum Erfolg der Ukrainer teils zu euphorisch? Vor allem, angesichts der vielen Toten nach jeder Nacht, in der die Russen die Ukraine mit Raketenhagel überziehen?

Die Russen sind noch lange nicht am Ende, weit entfernt davon. Ihre Luftangriffe haben in keiner Weise Zerstörungskraft eingebüßt, das haben wir auch gestern Nacht wieder gesehen, als sie Odessa mit Marschflugkörpern angegriffen haben. Die Ukrainer tun sich derzeit sehr schwer, diese abzuwehren. Auch Kiew ist kaum geschützt, weil es so extrem an Patriot-Munition mangelt. Der ehemalige ukrainische Generalstabschef, Walerij Saluschnyj, mahnt zu Recht, sich von den ukrainischen Erfolgen nicht täuschen zu lassen. Aber auch die Russen stehen unter Zeitdruck und sind gezwungen, entweder militärisch relativ rasch ein Ergebnis zu erzielen oder einzulenken. Sie sind nicht am Ende, aber der Schmerz nimmt immer mehr zu. Das ist der Hintergrund für das Paradoxon, das wir gerade sehen: Militärisch spitzt sich die Lage zu, gleichzeitig wird ein Waffenstillstand wahrscheinlicher.

Sie erwähnten eben, dass Russland verzweifelt eine Antwort auf die ukrainischen Luftschläge sucht. Wie blicken Sie in dem Zusammenhang auf China, das Russland schon manches Mal entscheidend geholfen hat bei der Entwicklung von Waffen? Könnte es sein, dass Peking den Kreml angesichts der russischen Bedrohungslage nun stärker unterstützt?

Streichen Sie das Wort „könnte“ und ersetzen Sie es durch „das ist der Fall“. Gerade am Wochenende kamen einige geleakte Dokumente an die Öffentlichkeit, die im Rahmen von chinesisch-russischen Konferenzen entstanden sind. Die belegen, dass China voll und ganz in die russischen Kriegsplanungen gegen die Ukraine eingebunden ist. Im Gegenzug für Russlands Kampferfahrung stellt Peking Technologien in den Bereichen KI, Elektronik, Drohnenentwicklung und -produktion und Waffentechnik bereit. Außerdem entwickeln beide Seiten gemeinsam Raketenabwehrsysteme, Drohnenschwärme, Antidrohnenwaffen und gepanzerte Fahrzeuge sowie Pläne zum Hacken und zur physischen Störung und Zerstörung von Starlink.

Chinas Behauptung, im Ukraine-Krieg neutral zu sein, trifft nicht zu, das weiß man schon seit langem. Aber zeigen die neuen Dokumente eine bislang unbekannte Dimension?

Russland und China bauen eine militärische Partnerschaft auf, das muss man so klar sagen, und sie ist weit enger, als beide Länder das zugeben. Das Ausmaß dieser Verbindung konkret zu sehen, ist immer wieder ernüchternd. Zudem wären die Chinesen in der Lage, den Russen Hochtechnologie verfügbar zu machen, um zu verhindern, dass Russland diesen Krieg verliert. Man könnte die Erfahrungen der Russen mit neuen Waffentypen für die Modernisierung der eigenen Streitkräfte nutzen. Außenminister Wang Yi hat letztes Jahr der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas ins Gesicht gesagt, man habe kein Interesse, dass Russland den Ukraine-Krieg verliert, denn dann würden sich die USA wieder China zuwenden. Das mag uns jetzt empören, ich sage: Willkommen im 21. Jahrhundert, wo das Recht des Stärkeren wieder gilt.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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