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Startseite»Politik»Extreme Hochwasser in Deutschland: „Häufig fehlt der Erfahrungsschatz“
Politik

Extreme Hochwasser in Deutschland: „Häufig fehlt der Erfahrungsschatz“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 14, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Interview

Stand: 14.07.2026 • 13:13 Uhr

Wie gut ist Deutschland auf große Hochwasser vorbereitet? Geograf Thomas Roggenkamp sieht einen Rückstand speziell bei extremen Lagen. Auf diese müsse man sich in Zukunft eher einstellen, sagt er im tagesthemen-Interview.

tagesthemen: Die Menschen möchten ihre Heimat im Ahrtal nach der Flut vor fünf Jahren nicht verlieren. Das ist natürlich und verständlich. Aber wie gefährlich ist das aus Ihrer Sicht?

Thomas Roggenkamp: Im Ahrtal sind viele Orte komplett auf einem Raum gebaut worden, der dem Fluss gehört, der Überschwemmungsgebiet ist. Entsprechend kritisch sieht man den Wiederaufbau – aber auch nur von außen.

Ich habe die Menschen im Ahrtal als sehr heimatliebend kennengelernt. Insofern ist es eigentlich weniger die Frage, ob wir nicht wieder aufbauen oder die Orte zurückbauen. Das ist nicht realistisch und ist auch nicht gewünscht von den Menschen im Ahrtal. Es geht darum: Wie können wir die Menschen, die hier leben, am besten vor Hochwasser schützen?

Thomas Roggenkamp

Zur Person

Thomas Roggenkamp arbeitet am Geographischen Institut der Universität Bonn. Zu seinen Schwerpunkten gehören Hochwasserereignisse. In seiner Laufbahn hat der Geograf speziell zum Ahrtal geforscht.

tagesthemen: Welche Rolle spielt dabei aus Ihrer Sicht der Klimawandel? Was folgt daraus für den Hochwasserschutz?

Roggenkamp: Der Hochwasserschutz richtet sich an Erfahrungswerten aus der Vergangenheit, durch Pegelmessungen zum Beispiel. Und der Klimawandel ist ein Prozess, der momentan stattfindet.

Durch den Klimawandel werden diese Ereignisse, vor allem Starkregenereignisse, eher häufiger werden als seltener. Und dementsprechend werden auch extreme Hochwasserereignisse eher häufiger werden. Also muss man sich in Zukunft eher auf solche Ereignisse einstellen.

„Wir haben wenig Zeit, um zu reagieren“

tagesthemen: Menschen besser zu schützen, das ist eine Priorität. Zum Beispiel mit Sensoren, die den Wasserstand und Regenmengen in Nebenflüssen überwachen. Bringt das wirklich etwas?

Roggenkamp: Ja, auf jeden Fall. Man muss sich das so vorstellen, dass nicht das Hochwasser in der Ahr selber entsteht, sondern in den vielen zahlreichen Nebenbächen. Dort entstehen kleinere Wellen, die sich dann in der Ahr auftürmen zu einer großen Welle. Insofern ist es sehr sinnvoll, auch die schon im Blick zu haben.

Neben dem ganzen technischen Hochwasserschutz ist es sehr wichtig, vorbereitet zu sein und zu wissen, was kommt. Gerade hier, wo Hochwasser schnell entstehen. Wir haben wenig Zeit, um darauf zu reagieren. Das heißt: Je früher wir wissen, dass ein Hochwasser entsteht in den Bächen, desto früher können wir warnen und desto besser können die Menschen darauf reagieren.

„Das ist ein sehr großes Projekt“

tagesthemen: Frühwarnsysteme sind das eine, die Rede ist aber auch von Rückhaltebecken. Für einen wirksamen Schutz bräuchte es mindestens 17 davon. Ist das realistisch?

Roggenkamp: Es ist zumindest eine Idee, die, was den technischen Hochwasserschutz angeht, am wirksamsten wäre: Dass wir an den kleineren Bächen ansetzen, um dort diese Rückhaltebecken zu bauen und das Wasser im Falle eines extremen Hochwassers zurückzuhalten. Es ist im Prinzip die einzige Möglichkeit, wenn wir wirklich Wasser aus den Orten raushalten wollen, wenn wir von großen Hochwassern sprechen.

Wie realistisch ist das? Das ist ein sehr großes Projekt, ein Projekt, das über Jahre und Jahrzehnte wahrscheinlich gehen wird, wenn es denn realisiert wird. Insofern bleibt zu hoffen, dass viel davon umgesetzt wird.

Umso wichtiger ist, dass wir uns nicht zu sehr auf den technischen Hochwasserschutz verlassen, sondern auch wirklich eher den vorbereitenden Hochwasserschutz in den Blick nehmen und zu wissen, wie reagiere ich eigentlich im Fall der Fälle.

„Das Ahrtal ist kein Raum, der einmalig ist“

tagesthemen: Das könnte man wahrscheinlich gar nicht: All die Nebenflüsse für all die anderen hier in der Region aufzustauen.

Roggenkamp: Das Ahrtal ist kein Raum, der da einmalig ist, was die Voraussetzungen angeht für Hochwasser. Hier haben wir ein tief eingeschnittenes Tal, steile Hänge, Wasser kann sich schnell sammeln. Die Böden sind sehr dünn, die können Wasser kaum aufnehmen. Das heißt, der Raum hier begünstigt die Entstehung von schnellen Hochwassern.

Aber das ist nicht nur im Ahrtal so, also gerade Mittelgebirgsflüsse weisen häufig genau diese Eigenschaften auf. Insofern müssen wir den Blick auch auf andere Flusssysteme richten, wo die Gefahr genauso besteht.

„Gut vorbereitet auf kleinere und mittlere Hochwasser“

tagesthemen: Und sind die Regionen vorbereitet auf so etwas? So wie man hier mittlerweile vorbereitet ist.

Roggenkamp: Hier hat man jetzt den Erfahrungsschatz eines extremen Hochwassers, das gerade mal fünf Jahre her ist. Wir sind in Deutschland ziemlich gut vorbereitet auf kleinere und mittlere Hochwasser. Aufgrund der Erfahrungen, die wir in den Jahren und Jahrzehnten vorher gemacht haben, weil diese Ereignisse einfach häufiger stattfinden.

Aber häufig fehlt der Erfahrungsschatz, wenn es um extreme Ereignisse geht. Und erst wenn sie stattgefunden haben, wissen wir, was das Potenzial eigentlich dieser Flüsse ist und reagieren dann darauf.

Das Gespräch führte Ingo Zamperoni, tagesthemen. Für die schriftliche Fassung wurde das Interview angepasst.

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Dr. Heinrich Krämer
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