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Die Zahl der Hitzetoten wird in den sogenannten Alternativmedien stark angezweifelt. Doch auch wenn es sich dabei meist um Schätzungen handelt, sind die Zahlen laut Wissenschaftlern belastbar.
„5120 ‚Hitzetote‘: RKI im Hitze-Panik-Modus!“ oder „Hitzetote-Humbug“: In mehreren sogenannten Alternativmedien werden die Zahlen zu den Hitzetoten von Institutionen wie dem Robert Koch-Institut (RKI) stark angezweifelt. Der Tenor: Die Zahlen würden sich lediglich auf Schätzungen berufen und nur in den wenigsten Fällen sei die Hitze wirklich die Todesursache. Diese Darstellung greift jedoch zu kurz.
Die 5.120 Hitzetote, auf die sich die Alternativmedien beziehen, stammen aus einem Bericht des RKI. Das Institut hat geschätzt, dass in Deutschland bis Ende Juni rund 5.120 hitzebedingte Sterbefälle aufgetreten sind. Allein in der Woche mit den besonders heißen Tagen vom 22. bis 28. Juni habe es 4.310 hitzebedingte Todesfälle gegeben. Demnach verstarben vor allem Menschen im Alter von über 75 Jahren.
Mehr Tote während Hitzewelle
Um auf die Zahlen der Hitzetoten zu kommen, greift das RKI auf die Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts zurück und vergleicht die Sterbefälle einer Woche mit dem Mittel der Sterbefälle aus den Vorjahren. Zum Beispiel starben während der Hitzewelle im Juni knapp 24.000 Menschen und damit etwa 5.400 mehr als im Mittel der Jahre 2022 bis 2025 in diesem Zeitraum. Ein Großteil davon ist laut RKI auf hitzebedingte Todesfälle zurückzuführen.
Um die hitzebedingten Sterbefälle zu schätzen, modellierten die Forschenden, wie viele Todesfälle es stattdessen unter Bedingungen mit Temperaturen bis maximal 20 Grad Celsius gegeben hätte. Dabei spielen auch zum Beispiel langfristige Mortalitätstrends und saisonale Veränderungen eine Rolle.
Im verwendeten Modell treten hitzebedingte Sterbefälle ab einer Wochenmitteltemperatur von mehr als 20 Grad auf. Während des Höhepunktes der Hitzewelle im Juni lag die Durchschnittstemperatur bei knapp 27 Grad.
In anderen Untersuchungen werden zum Teil niedrigere Wochenmitteltemperaturen herangezogen, in denen hitzebedingte Sterbefälle erwartet werden. So kommt es, dass in der Vergangenheit einige Studien teilweise noch deutlich mehr hitzeassoziierte Todesfälle ermittelt haben als das RKI.
Hitze nur selten direkte Todesursache
Dass es zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt bei der Berechnung der Hitzetoten, liegt vor allem daran, dass hitzebedingte Todesfälle schwer zu erfassen sind. Denn Hitze wird nur selten direkt als Todesursache angegeben. „Hitzetote werden nicht gezählt, sondern auf Basis der Übersterblichkeit statistisch geschätzt“, sagt Jonas Gerke von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG). „Insgesamt ist das methodisch sehr robust. Anders ist eine Zuordnung von Todesfällen zu Hitze schwer möglich“, so Gerke. Das liege daran, dass Menschen meist an einer Kombination aus Vorerkrankung und Hitze sterben würden.
Ein weiterer Grund, warum eine Zuordnung laut Experten schwierig ist, ist, dass Hitze oft mit einer Zeitverzögerung auf das Sterbegeschehen durchschlägt. Das führe dazu, dass die Zahlen oftmals unterschätzt würden. Denn ein extrem heißes Wochenende treibe die Sterbefallzahlen auch in der Folgewoche in die Höhe.
„Analysen auf Wochenbasis könnten die hitzeassoziierte Mortalität im Vergleich zu Tagesauswertungen zumindest in Einzeljahren deutlich unterschätzen“, sagt Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München. Eine Untersuchung kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass in den vergangenen Jahren die Unterschätzung der hitzebedingten Todesfälle zwischen 35 und 50 Prozent lag.
Auf der anderen Seite gebe es auch den Effekt der vorgezogenen Sterbefälle (Mortality Displacement) infolge einer Hitzewelle, so Schneider. „Es versterben also Menschen, die normalerweise erst in den nächsten Wochen oder Monaten verstorben wären, zum Beispiel aufgrund hohen Alters oder chronischer Krankheit.“ Viele Studien hätten jedoch gezeigt, dass dies bei Weitem nicht alle Sterbefälle betreffe, in manchen Studien sei sogar kaum oder gar kein „Mortality Displacement“ aufgetreten.
„Hitze ist unterschätzte Gesundheitsgefahr“
Der Kritik, die veröffentlichten Zahlen zu den Hitzetoten seien Panikmache und völlig überhöht, widerspricht Gerke. „Hitze ist eine unterschätzte, potenziell tödliche Gesundheitsgefahr. Die Fähigkeit des Körpers, sich anzupassen, ist nach oben hin sehr stark begrenzt.“
Und genau darin liege die Gefahr. Der Körper hält seine Kerntemperatur von rund 37 Grad über zwei Mechanismen stabil: Er strahlt Wärme über die Haut ab, indem sich die Blutgefäße weiten und mehr Blut an die Körperoberfläche fließt. Das funktioniert allerdings nur, solange die Umgebung kühler ist als der Körper selbst. Zusätzlich kühlt er über das Schwitzen, also die Verdunstung von Wasser auf der Haut. Bei hoher Luftfeuchtigkeit versagt diese Verdunstungskühlung, und die Wärme staut sich im Körper.
„Genau die Kombination aus großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit ist deshalb besonders gefährlich, weil hier klare körperliche Grenzen erreicht werden“, so Gerke. Die Folgen können Dehydrierung und Hitzschlag bis hin zu Herz-Kreislauf-Versagen, Nierenversagen und Schlaganfall sein. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Schwangere, Kleinkinder und Menschen mit Vorerkrankungen.
Keine Vergleichbarkeit zwischen Kälte- und Hitzetoten
In den sogenannten Alternativmedien werden Hitzetote oftmals mit den Kältetoten im Winter aufgerechnet, um die Hitzetoten zu relativieren. In den Wintermonaten sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamts tatsächlich mehr Menschen als im Rest des Jahres. Doch daraus abzuleiten, Hitze sei kein ernstes Problem, greift aus mehreren Gründen zu kurz. Denn der Körper ist in der kalten und dunklen Jahreszeit anfälliger für Krankheiten.
Daher fehlt laut Gerke die Vergleichbarkeit zwischen Sommer und Winter: „Die winterliche Übersterblichkeit ist stark vom Infektionsgeschehen geprägt. Ein milderer Winter senkt die Sterblichkeit deshalb nicht automatisch im gleichen Maße, in dem heißere Sommer sie erhöhen.“
Zudem zeigten aktuelle Modellierungen für Europa, dass der Anstieg der hitzebedingten Todesfälle den Rückgang der kältebedingten in allen betrachteten Szenarien übersteigt. „Ein ‚Nullsummenspiel‘, bei dem sich milde Winter und heiße Sommer gegenseitig ausgleichen, gibt es also nicht“, sagt Gerke.
Schlechte Anpassungsfähigkeit bei Hitze
Der Mensch könne sich außerdem an Hitze wesentlich schlechter anpassen als an Kälte, sagt Gerke. Der menschliche Körper stoße bei Hitze an harte physiologische Grenzen. Nach unten sei er dagegen etwa durch Kleidung, Heizung oder Wohnraum besser angepasst.
Die Gegenüberstellung der winter- gegen die sommerbedingten Sterbefälle dient laut Gerke daher meist der Verharmlosung. Der aktuelle Vergleich zeige sogar eher das Gegenteil. „Durch die Hitzewelle Ende Juni haben wir eine erhöhte Sterblichkeit erreicht, die wir im Sommer bisher in dem Ausmaß nicht hatten und wie sie sonst nur während der Corona-Pandemie oder anderer Infektionswellen im Winter stattfindet“, sagt Gerke. Diese Entwicklung sei kein Zufall. Durch den Klimawandel würden Hitzewellen in Zukunft immer häufiger, intensiver und auch länger andauern.
Immer mehr Hitzetage
Das bestätigen auch die Zahlen des Deutschen Wetterdienstes. Zwischen 1951 und 1990 gab es lediglich ein Jahr, in dem gemittelt über die Fläche Deutschlands mehr als zehn heiße Tage registriert wurden. In den darauffolgenden Jahrzehnten bis heute war dies hingegen bereits 14 Mal der Fall – zehn dieser Jahre liegen allein im Zeitraum von 2010 bis 2025. Den bisherigen Höchstwert verzeichnete das Jahr 2018 mit insgesamt 20,4 heißen Tagen.
Auch die Durchschnittstemperatur in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Im vergangenen Jahr lag sie bei 10,1 Grad Celsius. Zum Vergleich: Im Jahr 1960 betrug sie noch 8,4 Grad Celsius.
