Anpfiff zur 360°-Tour in DresdenWas für ein Kantersieg für Helene Fischer

Bevor zur Fußball-Weltmeisterschaft angestoßen wird, bläst erst einmal Helene Fischer zum Sturm auf die Stadien. In Dresden feiert sie die Premiere ihrer 360°-Tour, mit der sie zugleich ihre 20-jährige Karriere hochleben lässt. Und sie unterstreicht: Auf der Bühne ist und bleibt sie der Champion.
Ja, ist denn heut‘ schon WM? Nein, noch nicht ganz. Trotzdem rappelt es bereits am Mittwochabend in einem Stadion vor mehr als 35.000 Zuschauerinnen und Zuschauern kräftig. Das befindet sich allerdings nicht in Mexiko, den USA oder Kanada, sondern in Dresden. Um für Euphorie zu sorgen, braucht es dabei keine 22 Mann und einen Ball, sondern nur eine Spielmacherin und ihr Mikro: Helene Fischer.
Das Runde muss ins Eckige, sagt man. Im Fall der 360°-Tour, mit der Fischer in Dresden Premiere feiert und die sie noch in knapp ein Dutzend Stadien in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz führen wird, muss es aber eher heißen: Das Eckige muss ins Ovale. Schließlich hat sich die Sängerin zur Feier ihrer 20-jährigen Karriere und nach knapp dreijähriger Tournee-Pause etwas ganz Besonderes einfallen lassen: einen gigantischen Bühnen-Kubus, der inmitten des Publikums platziert ist und so einen Rundum-Blick auf die Show ermöglicht. 360 Grad eben.
Der Vorteil: Es gibt keine hinteren Plätze im Stadion, von denen man wie im Falle eines frontal errichteten Podiums das Bühnengeschehen eigentlich nur mit einem Fernglas beobachten kann. Zwei vom Kubus wegführende Laufstege sorgen überdies dafür, dass Fischer immer wieder noch dichter ans Publikum herankommt. Der Nachteil: Stets, wenn sich die Sängerin auf einer Kubus-Seite bewegt, verschwindet sie für die Zuschauerinnen auf der anderen Seite komplett aus dem Sichtfeld.
Wirklich verpassen tut man trotzdem nichts. Dafür sorgen vier riesige Videoleinwände auf jeder Seite des Bühnen-Quadrats. Und dafür sorgt natürlich auch Fischer selbst: Sie macht ordentlich Kilometer, wenn sie immer wieder fleißig ihre Runden um den Kubus dreht, um die Fans auf keiner Seite zu benachteiligen.
Blaue Flecken auf Fischers Haut
Im Dresdner Rudolf-Habig-Stadion prangen die Porträts von Ehrenspielführern wie Ulf Kirsten, Hartmut Schade oder Dieter Riedel. Wie die einstigen Dynamo-Kicker auf dem Platz kommt aber natürlich auch die unumstrittene Spielführerin auf der Bühne nicht ganz ohne Flankengeber aus. Nicht nur ein Dutzend Musikerinnen und Musiker unterstützen sie bei ihrem knapp zweieinhalb Stunden dauernden Powerplay mit glasklarem Sound, sondern auch 20 nimmermüde Tänzerinnen und Tänzer.
Doch nicht nur wegen all des Einsatzes an Mensch und Material, Flammenwerfern, Konfetti und Feuerwerk sind die Auftritte von Helene Fischer schon seit Jahren dafür bekannt, mehr als „nur“ ein Konzert zu sein. Die blauen Flecken auf der Haut der Sängerin, die ihre am Abend mehrfach wechselnden und mitunter äußerst knappen Outfits preisgeben, dürften ein Beleg für Fischers hartes Training im Vorfeld der Tournee sein – auch wenn sie mit ihren mittlerweile 41 Jahren und nach der Geburt ihres zweiten Kindes vor rund einem Jahr tatsächlich nicht mehr ganz so ungestüm wie früher auf der Bühne agiert.
Dennoch mangelt es auch bei ihrer 360°-Show nicht an artistischen Einlagen, die an Hochleistungssport grenzen. Sie tanzt im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Tisch, lässt sich auf Händen tragen und fliegt zu Beginn, am Ende und auch während ihres Auftritts mehr als nur einmal durch die Luft. Noch spektakulärer als das ist wahrscheinlich nur, dass sie dabei bei ihrem neuen Song „An meiner Seite“ doch glatt Gesellschaft von ihrem Lebensgefährten Thomas Seitel bekommt. Da geht kollektiv ein gerührtes Seufzen durchs Rudolf-Habig-Stadion.
Ebenso wie bei der Erwähnung ihres Ex. „Flori und ich“, beginnt Fischer einen Satz – und löst damit spontan Begeisterung aus. Was sie sagen will, ist, dass sie und Florian Silbereisen nicht gedacht hätten, „auf unsere alten Tage“ noch einmal zu Tiktok-Stars zu werden. Damit gemeint ist der virale Erfolg, den die beiden mit „Schau mal herein“ gelandet haben.
Über 30 Songs
Die Coverversion des Klassikers „Stumblin‘ In“ von Chris Norman und Suzi Quatro – die Fischer dann selbstredend ohne Silbereisen zum Besten gibt – ist einer von über 30 Songs, die an dem Abend erklingen, wenn auch einige nur in Kurzversion im Rahmen mehrerer Medleys. Die Bandbreite passt dabei zur Feier des 20-jährigen Karriere-Jubiläums. Sie reicht von Frühwerken wie „Feuer am Horizont“, „Und morgen früh küss ich dich wach“ oder „Mitten im Paradies“ über Hits wie „Fehlerfrei“, „Herzbeben“ und „Vamos a marte“ bis hin zu weiteren neuen Songs wie „Warum“ aus Fischers kommendem Album. Und natürlich darf auch der Song nicht fehlen, „der für mich alles verändert hat“, wie die Sängerin erklärt. Na, welches Lied da wohl gemeint ist, das die Menge im Anschluss beinahe bis zur Atemlosigkeit jubeln lässt?
Helene Fischer sagt nicht nur mehrmals, wie glücklich und „erfüllt“ sie sei, zurück auf der Bühne und bei ihren Fans zu sein, man sieht es ihr auch glaubhaft an. Erst recht, da mittlerweile offenbar auch der Wettergott zu ihren Anhängern gehört. Zwar wollen sich die bedrohlichen Regenwolken über dem Stadion den ganzen Abend nicht verziehen, doch bis auf ein paar Tropfen bleibt es bis zum Ende trocken. Als Fischer die Textzeile „Draußen fällt der Regen“ bei ihrem Lied „Von hier bis unendlich“ singt, fügt sie ein erleichtertes „Nein, nein, nein“ hinzu. Wäre doch auch zu schade gewesen, wäre die Premiere ihrer 360°-Tour ähnlich abgesoffen wie ihr bis dato letzter Open-Air-Auftritt 2022, als sie vor 130.000 Zuschauerinnen und Zuschauern in München ein Megakonzert gab.
Mit dem Song „Phänomen“ verabschiedet Fischer sich und das Publikum um 22.38 Uhr ins Dunkel der Nacht. Da hat sie längst einmal mehr unter Beweis gestellt, was für ein Phänomen sie selbst ist. Zum einen, weil beim Blick ins weite Dresdner Rund wieder mal auffällt, wie sehr ihre Melange aus Schlager und Pop bei einem wirklich breiten gesellschaftlichen Querschnitt verfängt. Zum anderen, weil es unabhängig von der Musik an dem Anspruch und Niveau ihres Entertainments nichts zu rütteln gibt. Das sucht in Deutschland nach wie vor seinesgleichen – und erhebt Fischer weiterhin zum Ausnahmetalent.
Es versteht sich von selbst, dass zu Fischers Set bei dieser Tournee auch ihre neueste Single „Heute Nacht“ gehört, die zu einem der WM-Songs gekürt wurde. Mit ihr hat Fischer erstmals als Solo-Künstlerin Platz eins der deutschen Charts erobert. Wäre ja nicht schlecht, wenn dieser Triumph Fischers und ihr Kantersieg beim Tour-Auftakt in Dresden ein wenig auf die deutsche Nationalmannschaft abfärben würden. In diesem Sinne: Die WM kann kommen.
Helene Fischer macht mit ihrer 360°-Tour noch Station in folgenden Städten: Berlin (13.06.), Stuttgart (16.06.), Frankfurt am Main (19. und 20.6.), Gelsenkirchen (23.06.), Köln (26.06. und 27.06.), Amsterdam (30.06.), Hamburg (03. und 04.07.), Hannover (07.07.), Wien (11.07.), Zürich (14.07.), München (17.07.). Für mehrere Shows gibt es noch Resttickets.
