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Politik

Die Sagrada Família – eine Kirche, die fasziniert und spaltet

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 10, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 10.06.2026 • 06:46 Uhr

Säulen wie Bäume, ein Spektakel aus Licht und nun auch noch der höchste Kirchturm der Welt: Der Papst besucht heute eine Kirche der Superlative. Doch gerade deshalb wächst auch Kritik an der Sagrada Família.

Sebastian Kisters, HR

Heute Abend wird Papst Leo XIV. den gerade fertiggestellten Hauptturm der Sagrada Família in Barcelona weihen. Mit 172,5 Metern überragt das begehbare Kreuz des sogenannten Jesus-Christus-Turms das Ulmer Münster, die bis dahin höchste Kirche der Welt.

Damit werde das Bauwerk noch mehr Touristenattraktion und noch weniger Ort zum Innehalten, klagen Kritiker. Sie stören sich vor allem an dem begehbaren Kreuz.

Carolina García-Estévez ist Professorin für Kunstgeschichte. Sie sagt: „Ein Kreuz hat eine hohe Symbolik. Ich glaube nicht, dass ein Aufzug dorthin mit Panoramablick über Barcelona dem gerecht wird.“ Ein begehbares Kreuz sei sicher nicht im Sinne des Architekten Antoni Gaudí gewesen.

Bei der Weihung des Turms stellt sich nun wieder die Frage, die Wissenschaftler wie auch Bewohner in Barcelona stets umtreibt: Ist diese Kirche wirklich noch nach dem Willen und den Plänen Gaudís gebaut, der auch „Architekt Gottes“ genannt wird und der heute vor 100 Jahren starb?

Die Sagrada Familia prägt das Stadtbild Barcelonas – auch bei Nacht.

Ein Fall von „besoffener Kunst“?

Am 7. Juni 1926 verlässt der Architekt am frühen Abend die Baustelle. Er lebt mittlerweile dort. Gaudí ist auf dem Weg in einen anderen Stadtteil, er will zum Beten in eine Kirche. Da erfasst ihn eine Straßenbahn und verletzt ihn schwer. Man hält Gaudí zunächst für einen Obdachlosen. Drei Tage später, am 10. Juni 1926, stirbt er.

1883 hatte Gaudí die Bauleitung an der Sagrada Família übernommen. „Besoffene Kunst“ sei das, lästerten manche in der Stadt. Und immer mal wieder wurde diskutiert, ob der Meister noch bei Verstand sei.

Gaudí wollte Natur nicht abbilden, er wollte nach dem Vorbild der Natur konstruieren. Beim Bau der Sagrada Família dachte er an einen Wald, an ein lichtdurchflutetes Kronendach aus Stein. Er verabscheute rechte Winkel.

Seine Idee von Architektur prägt Barcelona bis heute. Vielerorts gibt es von ihm entworfene farbenfrohe Wohnhäuser oder auch den Park Güell, mit seinen geschwungenen Bänken, die mit bunten Keramikscherben verziert sind. Gaudí gilt heute als prominentester Vertreter des katalanischen Modernismus, einer Variante des Jugendstils.

Gaudí hat an vielen Stellen Barcelonas markante Spuren hinterlassen – auch der Park Güell trägt seine Handschrift.

Weiterbau trotz Feuer

Die Sagrada Família sollte sein Meisterstück werden. 43 Jahre arbeitete Gaudí daran, doch nur rund ein Fünftel seiner Pläne konnte er vor seinem Tod realisieren.

„Was soll nun aus der Baustelle werden“, fragte man sich damals in Barcelona. Umso mehr, als nach seinem Tod der Bürgerkrieg in Spanien tobte und 1936 ein Feuer viele Modelle und Skizzen des Meisters der Formen und Farben zerstörte.

Trotz aller Diskussionen wurde der viel diskutierte Bau fortgeführt. Zu Lebzeiten habe Gaudí stets junge Architekten auf der Baustelle versammelt und seine Pläne erklärt, erklärt der heutige Chef-Architekt Jordi Faulí. Vor allem ihre Aufzeichnungen und Fotos hätten einen Weiterbau in Gaudís Sinne möglich gemacht.

Dass er die Vollendung seines monumentalen Baus nicht mehr erleben würde, ahnte Gaudí wohl – als er im Alter von 73 Jahren starb, war nur ein kleinerer Teil der Kirche errichtet.

Baustelle mit Millionen Besuchern jährlich

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich die so entstehende Sagrada Família zur wohl meistbesuchten Baustelle der Welt. Zuletzt kamen rund fünf Millionen Besucher im Jahr und spülten durch Eintrittsgelder mehr als 130 Millionen Euro in die Kassen einer Stiftung, die den Bau verantwortet.

Exakt 100 Jahre nach dem Tod Gaudís wird nun der Hauptturm geweiht. Fertig ist die Kirche dennoch nicht. Es fehlt zum Beispiel noch der Haupteingang mit einer umstrittenen Treppe dorthin. Es gibt Pläne, dafür bestehende Wohngebäude in der Nachbarschaft abzureißen. Und da ist sie dann wieder: die Frage nach Gaudís Willen und Plänen.

Es sei doch wohl klar, dass es Gaudí niemals in den Sinn gekommen wäre, Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben, sagt Francesc Pla von einer Nachbarschaftsvereinigung. Ein Abriss komme nicht in Frage.

Die Kirche verändere das Leben in dem Viertel schon so genug. Überall gebe es Andenkenshops, kaum mehr Läden, die nicht bloß für Besucher aus aller Welt öffnen.

Ältere Menschen trauten sich angesichts der Tourismus-Massen kaum mehr aus dem Haus. Der Rummel um den Architekten und seine Kirche ist vielen zu viel.

Wer die Sagrada Familia besichtigen will, muss früh buchen. Die hohen Besucherzahlen decken einen beträchtlichen Teil der Baukosten ab.

Verrückter oder Genie?

Antoni Gaudí ist in der Krypta der Sagrada Família begraben. Der Papst wird dort heute einen Blumenkranz niederlegen. Als Gaudí 1878 sein Architekturstudium beendet hatte, soll der Universitätsdirektor gesagt haben, er wissen nicht, wem er heute dieses Diplom verleihe: einem Verrückten oder einem Genie?

Hundert Jahre nach seinem Tod wird über eine Seligsprechung Gaudís geredet, seine Baukunst fasziniert viele Millionen Besucher. Manchen aber geht zu weit und zu hoch hinaus, was daraus gemacht wird.

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Dr. Heinrich Krämer
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