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Startseite»Nachrichten»Endstation Gefängnis: Junge Häftlinge warnen Gleichaltrige vor gleichem Schicksal
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Endstation Gefängnis: Junge Häftlinge warnen Gleichaltrige vor gleichem Schicksal

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 25, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Endstation GefängnisJunge Häftlinge warnen Gleichaltrige vor gleichem Schicksal

25.05.2026, 09:39 Uhr Von Max Patzig
Zelle von Bndo & Toms_nach Toms Verlegung
Bendo und Tom teilten sich zeitweise diese Zelle in der JVA Adelsheim. (Foto: nejako.de/WeHe)

Oftmals sind es Geld oder etwas Luxus, weswegen Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten. Das im Gefängnis ausbaden zu müssen, sei es aber nicht wert, sagen drei, die es wissen müssen: Bendo, Tom und Aki wollen Schüler wachrütteln, bevor diese ebenfalls im Knast landen.

Das Leben im Gefängnis ist kein Zuckerschlecken – vor allem nicht für Jugendhäftlinge. Zwei von ihnen teilen sich eine etwa zehn Quadratmeter große Zelle. Darin steht ein Etagenbett, ein kleiner Tisch samt spärlich gepolstertem Stuhl, zwei Schränke ohne Türen und – für die meisten ein Albtraum – ein WC mitten im Zimmer. Es gibt keine Trennwand, berichtet Aki aus seinem Alltag im Jugendknast. Wer mal muss, hat keine Wahl: Es geht nur darauf. Man sieht alles, man riecht alles, erzählt der jugendliche Insasse in einem Dokumentarfilm, mit dem der Journalist Werner Herkert von Schule zu Schule zieht.

Ein Jahr lang war Herkert jeden Mittwoch in der JVA Adelsheim, dem zweitgrößten Jugendgefängnis in Deutschland. Es bietet Platz für 417 Insassen und beherbergt im Durchschnitt etwa 300. Die Zahlen sind zwar verglichen mit den frühen 2000er Jahren rückläufig, doch noch immer auf hohem Niveau. Häufigster Haftgrund: Gewalt (62 Prozent).

In der Jugendstrafanstalt veranstaltete Herkert für die eingesperrten Teenager eine Schreibwerkstatt. Drei Gefängnisinsassen, die viel niedergeschrieben haben, sind Teil seiner Doku geworden. Neben Aki berichten Bendo und Tom von ihrem Knastalltag – und erzählen, was hätte passieren müssen, damit sie nicht dort gelandet wären. „Hätten wir früher in der Schule schon gewusst, wie wir unser Leben aus der Hand geben, was Knast bedeutet, wie schrecklich dieser Ort ist, dann wären wir vielleicht nicht hier gelandet“, zitiert Herkert die jungen Männer im Gespräch mit ntv.de.

Blick-auf-mehrere-Gefaengnisgebaeude-der-Justizvollzugsanstalt-Adelsheim-aufgenommen-am-Freitag-20-07-2012-in-Adelsheim
Vergitterte Fenster, Zelle an Zelle: Blick auf den geschlossenen Regelvollzug in Adelsheim. (Foto: picture alliance / dpa)

„JVA goes Schule“ nennt er seine Präventionsveranstaltungen. In den Klassenzimmern erzählt Herkert dann auch, wie Bendo auf die schiefe Bahn geraten war. „Er hat über den leichten und harten Weg geschrieben. Alle wollen Luxus, aber nicht viel dafür arbeiten. Die Verlockungen sind groß: Mal dealt man, mal knackt man irgendein Auto. Aber besser ist es, wenn man das alles nicht macht“, berichtet Herkert von Bendos Schilderungen. „Er sagt auch, dass man sich nicht mit den falschen Leuten umgeben sollte. Das ist eine Wertevermittlung ohne erhobenen Zeigefinger von den Jungs.“ Die sind zwischen 14 und 21 Jahre alt und sitzen wegen Vorwürfen des Drogenhandels, der Erpressung, schweren Körperverletzung oder auch der versuchten Vergewaltigung ein. „Sie sprechen die gleiche Sprache wie die Schüler und bringen es total glaubhaft rüber, weil sie voll dahinterstehen.“

Auch scheinbar banale Dinge erklären die drei Insassen. „Tom hat über den Knastalltag geschrieben: morgens 6 Uhr geweckt werden, Lebenskontrolle, Zähneputzen, Frühstück. Und das Wort Lebenskontrolle ist wörtlich zu nehmen“, schildert Projektleiter Herkert. In dem Jahr, in dem er die Schreibwerkstatt durchgeführt hat, habe es zwei Suizide in der Jugendhaft gegeben. „Wenn ich mir vorstelle, was die haben erleben müssen, um sich das Leben zu nehmen … da hofft jeder, dass er bald wieder auf freien Fuß kommt.“

„Das Gefängnis ist kein sicherer Ort“, berichtet Herkert weiter. „Da wird unter den Häftlingen mit Gewalt und Angst gearbeitet. Es gibt keinen schlimmeren Ort, außer der Kriegsfront vielleicht.“ 2014 geriet Adelsheim bundesweit in die Schlagzeilen: 50 Insassen prügelten sich während des Hofgangs. Sechs Aufseher wurden so schwer verletzt, dass sie dienstunfähig waren. Der Strippenzieher, ein 21-Jähriger, trat einem Beamten mehrfach gegen den Kopf. Er wurde zu neun weiteren Jahren in Haft verurteilt. Andere Beteiligte wurden wegen versuchten Totschlags, Gefangenenmeuterei und gefährlicher Körperverletzung angeklagt.

Aki, „der Härteste von denen“, schrieb über seine Gefühle. „Ich war völlig platt. Er beschreibt, wie seine Eltern und – das schlimmste – die Geschwister zum Besuchen in den Knast kommen müssen“, fasst Herkert zusammen. Nach Adelsheim müssen seine Angehörigen nun nicht mehr. Aki ist inzwischen älter als 21 Jahre. Eltern und Geschwister fahren ihn in Bruchsal besuchen, in der Justizvollzugsanstalt für Volljährige.

Handyentzug als Super-GAU

Die Schülerinnen und Schüler, die das noch nicht abschreckt, erreicht Herkert mit einer einfachen Frage: Was passiert, nachdem einem bei einer Festnahme die Handschellen angelegt werden? „Dann suchen und durchsuchen die Ermittler das Smartphone“, verrät der Schreibwerkstatt-Chef, wenn in einer Klasse kein Jugendlicher darauf kommt. „Und zurück gibt’s das erst am Tag der Entlassung aus der Haft.“ Den Teenagern wird daraufhin bewusst gemacht: „Ihr könnt eure Kumpels nicht anrufen. Ihr könnt nicht snapchatten. Ihr könnt nicht Youtube schauen. Ihr könnt nicht Tiktok nutzen. Ihr könnt nichts, weil ihr nämlich auch keinen Rechner und kein Internet in der Zelle habt.“ Die Langfristigkeit des Handyentzugs sei für viele „der Super-GAU“. Manch ein Junge oder Mädchen bekomme bei der Vorstellung Schnappatmung.

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In Adelsheim nahe Heilbronn liegt die größte Jugendstrafanstalt Süddeutschlands. (Foto: nejako.de/WeHe)

Einen Punkt haben Bendo, Aki, Tom und viele andere Insassen gemein: Das Unheil begann mit Mobbing, einem großen Problem an Schulen. Herkert spricht eindringlich zu den Siebt- und Achtklässlern: „Mobbt nicht. Schnappt euch das Mädel, schnappt euch den Jungen, und redet knallhart, wenn der sich nicht duscht oder sonst etwas ist, was euch stört. Sagt das dem Menschen ins Gesicht. Seid ehrlich und fair und gebt allen eine zweite Chance.“ Auf eine zweite Chance seien nun auch die Häftlinge angewiesen.

„Scheiße haben wir alle mal gebaut. Keiner ist ein Engel“, sagt Herkert. „Wir alle machen Fehler. Die Frage ist nur, wie gravierend sind sie und was sind die Folgen.“ Darüber sollte man sich vorher im Klaren sein. „Und das ist auch den Jungs im Knast ziemlich schnell klar geworden. Sie sagen jetzt im Film: Macht euch einen Kopf. Denkt darüber nach – nicht erst, wenn ihr in der Zelle sitzt. Da ist es zu spät.“

In den Schulen kommt das 90 bis 120 Minuten lange Programm, das aus authentischen Erzählungen, dem zwölfminütigen Dokufilm und Musik über den Alltag im Gefängnis besteht, gut an. Die Kinder würden interessierte Nachfragen stellen und hin und wieder zeige sich Einsicht bei Schülern, die schwierige Tendenzen aufwiesen. Wo Herkert mit der Prävention einmal zu Gast war, sei er inzwischen auch ein zweites Mal eingeladen worden.

Quelle: ntv.de

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