Ob Sagrada Familia, Park Güell oder Casa Milà: Gaudís Bauwerke prägen Barcelonas Stadtbild. Seine Architektur wurde zum Sinnbild für die katalanische Unabhängigkeit. Und auch am 100. Todestag ist Gaudís Vision noch lebendig.
14 Türme winden sich spindelförmig in den Himmel. Der Blick folgt den sich emporwindenden Formen, fällt auf die Worte hymnischer Gesänge, auf „Sanctus“-Rufe, „Hosanna“ und „Excelsis“, und erahnt schließlich die mit Kreuzen, Sternen und den geflügelten Symbolen der vier Evangelisten – Mensch, Löwe, Stier und Adler – bekrönten Turmspitzen.
Atemberaubend und erdrückend zugleich wirkt die Fassade der Sagrada Familia. Im Februar dieses Jahres wurde ihr großer Hauptturm fertiggestellt. Mit 172,5 Metern Höhe überragt die Basilika in Barcelona nun alle anderen Kirchen der Welt. Nur der Montjuïc, der Hausberg der Stadt, überragt sie im Stadtbild um einen halben Meter. Eine bewusste Entscheidung ihres Erbauers Antonio Gaudí, denn der Mensch dürfe sich nicht über Gottes Schöpfung erheben.
Am 10. Juni wird Papst Leo XIV. die Basilika feierlich weihen. Es ist Gaudís 100. Todestag und damit auch eine große Verbeugung der katholischen Kirche vor dem Genie des bis heute legendären Architekten.
Mehr als 170 Meter hoch ragt die Sagrada Família in den Himmel. Seit langem ist sie ein Wahrzeichen der Stadt Barcelona.
Inspiration aus der Natur und fernen Ländern
Ein genauer Beobachter soll Gaudí von Kindesbeinen an gewesen sein. Geboren wird er am 25. Juni 1852 in Reus, etwa 100 Kilometer südlich von Barcelona, in eine Familie von Kesselschmieden. Schon als Kind leidet er an einer rheumatischen Erkrankung und verbringt viel Zeit in der Natur der zerklüfteten Berglandschaften Kataloniens.
Mit 18 Jahren zieht es Gaudí nach Barcelona, um Architektur zu studieren. Besonders als Zeichner tut er sich in seinen Studienjahren hervor. Inspiration findet der junge Mann vor allem in der noch jungen Welt der Fotografie. Er studiert die maurischen Paläste Andalusiens ebenso wie die orientalischen Architekturen Persiens und Indiens oder japanische Holzbauten und Lackarbeiten.
Architektur für ein modernes Katalonien
Barcelona ist zu dieser Zeit eine Stadt im Aufbruch: Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt die katalanische Hafenstadt einen Wirtschaftsboom – nicht zuletzt auch wegen ihrer schmählichen Rolle im internationalen Sklavenhandel. Durch die Industrialisierung wächst auch in Barcelona, wie in vielen anderen Städten Europas, die Bevölkerung rasant. Ab 1860 wird die gotische Altstadt daher um die schachbrettartig angelegte Neustadt Eixample ergänzt.
Aus der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung entwickelt sich auch architektonisch eine neue Formsprache: Die neue Architektengeneration um Gaudí entwickelt sie aus dem vorherrschenden Stil der Neogotik heraus. Dazu setzen sie auf moderne Werkstoffe wie Stahl, Glas und Beton.
Dieser sogenannte „Modernisme“ ist zwar in seinen Grundzügen eine internationale Bewegung, die ihre Entsprechung etwa im deutschen Jugendstil und im französischen Art Nouveau findet, trägt aber auch eine klare politische Botschaft: ein neuer Stil für ein modernes Katalonien, die Abkehr von den altertümlichen Altstädten Spaniens – ein visuelles Sinnbild für die katalanische Unabhängigkeit.
Eusebio Güell – der perfekte Mäzen
Auch Gaudí unterstützt die katalanische Unabhängigkeit. In diesem Umfeld entwickelt er seine neue Formsprache: Die Gotik, die die frühen Entwürfe seiner Studienjahre dominiert, empfindet er zunehmend als unperfekte Bauform. Die Strebebögen der großen Kathedralen seien „Krücken“, die es zu überwinden gelte.
In Eusebio Güell, einem Unternehmer aus Barcelona, findet Gaudí den Mäzen seines neuen Architekturverständnisses. Für ihn gestaltet er einige seiner bekanntesten Bauwerke, etwa den eigentlich als Gartenstadt geplanten Park Güell, dessen weltberühmte Terrassen jährlich Millionen Besucherinnen und Besucher anlocken.
Immer mehr bezieht sich Gaudí visuell auf die ihm seit der Kindheit so vertraute Flora und Fauna. Auf die gelben Blüten der Gärten, die er auf den Keramikfassaden der Casa Vicens verewigt. Auf die Bergformationen Kataloniens, deren geschwungene Linien, Höhlen und Durchbrüche die Fassade der Casa Milà bestimmen. Auf die schillernden Schuppen von Reptilien, die er in bunten Keramikfliesen und Ziegeln an der Casa Batlló nachbildet – eine Referenz auf den heiligen Drachentöter Georg, den Schutzpatron Kataloniens.
Lebenswerk Sagrada Familia
Als Gaudí die Bauleitung der Sagrada Familia übernimmt, ist er erst 31 Jahre alt. Geplant ist die Kirche zu Ehren der Heiligen Familie ursprünglich als neogotische Basilika. Doch bereits ein Jahr nach Grundsteinlegung kommt es zum Zerwürfnis zwischen dem Architekten und dem Baustatiker der Kirche. Gaudí, der zuvor mit beiden gearbeitet hat, wird als Nachfolger eingesetzt.
Eine großzügige anonyme Spende gibt Gaudí schließlich Mitte der 1890er-Jahre die Möglichkeit, die Pläne des Sakralbaus zu erweitern: Er entwickelt das Grundkonzept für seine fünfschiffige und mit 18 Türmen bekrönte Kirche.
Die Sagrada Familia wird für den frommen Katholiken, der zeitlebens unverheiratet bleibt und ein asketisches Leben führt, zum Projekt seines Lebens. Ihr allein widmet Gaudí die letzten 15 Jahre seines Schaffens.
Am 10. Juni 2026, Gaudís 100. Todestag, wird Papst Leo XIV. die Sagrada Família feierlich weihen.
Gaudís Vision lebt bis heute fort
Ein Unfall wird Gaudí schließlich zum Verhängnis: Auf dem Weg zu seiner Baustelle wird der Architekt am 7. Juni 1926 von einer Straßenbahn erfasst, er stirbt drei Tage später an den Folgen des Unfalls. Von der Sagrada Familia steht zu diesem Zeitpunkt wenig mehr als die mit vier Türmen bekrönte Geburtsfassade.
Doch gebaut wird weiter im Sinne von Gaudís Vision – bis heute. Dabei gilt sein organischer Baustil bereits zu dieser Zeit als überholt. In Frankreich dominiert die klare Geometrie des Art Déco, aus Weimar verbreiten sich die reduzierten Formen des Bauhaus in die Welt. Trotzdem übersteht die Idee seiner Kirche die Krisen und Kriege des 20. Jahrhunderts.
Voraussichtlich im Jahr 2035 soll die Sagrada Família fertiggestellt werden, mehr als 150 Jahre nach der Grundsteinlegung. Was Gaudí dazu sagte, ist überliefert: „Mein Auftraggeber hat keine Eile.“
