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Kanada im WM-Check: Gastgeber ersehnt die Historie

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 11, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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10.06.2026 | 18:32 Uhr

Kapitän, Star des Teams – aber nur als „Maskottchen“ dabei? Der Wettlauf mit der Heilungszeit meint es nicht gut mit Alphonso Davies vor der Fußball-Weltmeisterschaft in der Heimat Kanada. Nationaltrainer Jesse Marsch hat eine immens komplizierte Aufgabe.

Wie lief es für Kanada vor der WM?

Kanada ist als einer von drei Gastgebern gesetzt für das Turnier – und konnte sich so die Qualifikation ersparen. So konnte sich der Verband aussuchen, gegen wen sie sich auf die Weltmeisterschaft vorbereiten wollen. Im März 2025 hatte es Kanada bis ins Halbfinale der Concacaf Champions League geschafft, musste sich dort aber Mexiko (0:2) geschlagen geben. Im Spiel um Platz drei ging es gegen den zweiten Mitgastgeber der WM, USA. Und dort gelang der erste Sieg auf US-Boden seit 57 Jahren. Kanada wurde mit dem 2:1-Sieg also Dritter.

Seit diesem Spiel absolvierte Kanada unter Trainer Jesse Marsch 16 Partien. Nur drei davon gingen verloren – gegen Australien sowie gegen die Elfenbeinküste und Guatemala jeweils nach Elfmeterschießen. Sechs Spiele endeten unentschieden, acht mit einem Erfolg. Zuletzt: 1:0 gegen Guatemala, drei Unentschieden gegen Island (2:2) sowie Tunesien (0:0) und Irland (1:1) und ein 2:0-Sieg gegen Usbekistan.

Das sind die größten Stars

In Deutschland ist vor allem einer bekannt: Alphonso Davies. Der Linksverteidiger des FC Bayern gehört zum Aufgebot von Nationaltrainer Jesse Marsch. Wann – oder sogar ob – der designierte Kapitän aber wird spielen können, ist unklar. Davies hatte sich am 6. Mai beim Halbfinal-Aus der Bayern in der Champions League gegen Paris Saint-Germain eine Oberschenkelverletzung zugezogen. Das hielt Marsch aber nicht davon ab, ihn zu nominieren. „Alphonso ist eine große Persönlichkeit und ein wichtiger Spieler für uns, und wir wollen einfach in jeder Hinsicht sicherstellen, dass wir ihn auf Erfolg einstellen“, sagte Marsch bei TSN. Davies sagte gut eine Woche vor WM-Start: „Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein und freue mich, bei den Jungs zu sein und sie zu unterstützen. Ob auf dem Platz oder daneben – ich mache das gerne“. Davies wurde als Sohn liberischer Eltern im Flüchtlingslager Buduburam in Ghana geboren, die Familie zog nach Ontario, als Davies fünf Jahre alt war.

Seit März 2025 hat Davies schon nicht mehr für sein Land gespielt, dies war das letzte seiner bislang 58 Länderspiele, bevor er sich seinen Kreuzbandriss zugezogen hatte. In dieser Saison absolvierte der 25-Jährige, der seit 2017 kanadischer Staatsbürger ist, nur 13 Bundesliga-Spiele und 8 Einsätze in der Champions League, 2 im DFB-Pokal, nur zwei Partien über die volle Spielzeit. Laut „Kicker“ hoffen die Bayern-Verantwortlichen darauf, dass Davies in der Gruppe nicht zum Einsatz kommt, um einen (zu) frühen Einstieg mit möglicher Folgeverletzung zu vermeiden. Es soll einen Austausch mit den kanadischen Ärzten geben.

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Davies ist ein absolutes Unikat in Kanada: Er ist der bislang einzige Torschütze seines Landes bei einer WM. Sein Treffer nach einer Minute und sieben Sekunden im Spiel gegen Kroatien sorgte bei der Katar-WM 2022 für die Historie – auch wenn sich Kanada am Ende 1:4 geschlagen geben musste.

In Davies Abwesenheit trägt Stephen Eustaquio die Kapitänsbinde. Der zentrale Mittelfeldspieler machte einst sieben Spiele für Portugals U21, debütierte im November 2019 dann für Kanada und absolvierte seitdem 54 Partien. Eustaquios Verbindung zu Portugal ist damit aber nicht gekappt. Der 29-Jährige ist Spieler des FC Porto, bis 30. Juni noch ausgeliehen an den Los Angeles FC, wo er in der vergangenen Saison Teamkollege von Südkorea-Legende Heung-min Son war.

Wer ist nicht dabei?

26 Spieler – aber vermutlich werden nicht alle vom ersten Gruppenspiel an mitwirken können. Etwa für Davies dürfte das Auftaktspiel am 12. Juni gegen Bosnien und Herzegowina (21 Uhr) zu früh kommen. Er ist trotzdem dabei – anders als Offensivspieler Marcelo Flores. Der 22-Jährige vom mexikanischen Spitzenklub Tigres UANL im Finale des CONCACAF Champions Cups gegen Deportivo Toluca (5:6 i.E.) einen Kreuzbandriss und fällt für das Turnier aus. „Das ist natürlich sehr traurig für ihn, wir fühlen mit ihm“, sagte Marsch. Flores hatte erst in diesem Jahr seine Verbandszugehörigkeit zugunsten Kanadas gewechselt. Zuvor war der in Kanada geborene Flügelspieler, dessen Vater Mexikaner ist, in Testspielen für Mexiko aufgelaufen.

Das muss man wissen

Trainer Jesse Marsch hat es wirklich nicht einfach. Denn sein Kader gleicht beinahe einem Lazarett. Im Idealfall bildet Davies gemeinsam mit Moise Bombito von OGC Nizza, Derek Cornelius von Olympique Marseille und Celtic-Glasgow-Profi Alistair Johnston die Abwehr. Alle vier hatten jedoch bis zuletzt große Teile der Saison verletzt verpasst, auch Innenverteidiger Alfie Jones vom FC Middlesbrough hat seit Dezember kein Spiel absolviert. Stürmer Promise David musste sich im Februar an der Hüfte operieren lassen und hat seitdem nicht mehr gespielt. Abwehrchef Bombito kam wegen eines Schienbeinbruchs nur zu zwei Einsätzen im Oktober. TSN bewertete es als „kleines Wunder“, dass Bombito es zur WM schafft.

Trotz aller Unwägbarkeiten feiert Marsch sein Team: Er habe die „beste Gruppe“ zusammen, „die dieses Land jemals versammelt hat“, sagt der US-Amerikaner, der seit 2024 im Amt ist und dessen Vertrag kurz vor der WM verlängert wurde, selbstbewusst. „Diese Spieler spiegeln die Vielfalt der Gemeinschaften, Kulturen und Lebenswege wider, die dieses Land prägen. Sie sind entschlossen, furchtlos und stolz darauf, Kanada auf der Brust zu tragen“, sagte Marsch. Der Trainer selbst ist in Deutschland wohl vor allem aufgrund seiner Zeit bei RB Leipzig bekannt. In der Saison 2018/19 war er Co-Trainer von Ralf Rangnick, 2021 übernahm er selbst für fünf – glücklose – Monate das Amt des Cheftrainers.

Mit Kanada könnte er nun aber Geschichte schreiben. Die Les Rouges waren erst zweimal bei der WM dabei: 1986 und 2022 sind sie jeweils nicht über die Gruppenphase hinausgekommen. Ein Sieg in einem WM-Spiel fehlt dem Weltranglisten-30. noch. Neben Bosnien und Herzegowina sind Katar (18. Juni, 0 Uhr) und die Schweiz (24. Juni, 21 Uhr) die weiteren Gruppengegner. Die Duelle bieten Kanada die Möglichkeit, beim Heimturnier den ersten Erfolg zu feiern.

Was ist drin?

Nicht weniger als der historische erste Sieg bei einer Weltmeisterschaft. Bosnien und Herzegowina (Weltranglisten-65.) sowie Katar (55.) stehen in der FIFA-Weltrangliste hinter Kanada. Die Chancen auf einen Sieg sind also groß – auch wenn der Kader einem Lazarett gleicht. Marsch jedenfalls ist ganz verliebt in sein Team: „Sie sind eine einzigartige Gruppe wirklich guter Menschen, die sehr talentiert sind.“

Ebenfalls noch drin ist abseits des Rasens der ein oder andere Konter für US-Präsident Donald Trump. Denn Marsch – selbst US-Amerikaner – lebt eine direkte Art und hält mit seiner Abneigung nicht hinterm Berg. So sagte der 52-Jährige im Februar 2025 als Trump sich Kanada einverleiben wollte: „Wenn ich unserem Präsidenten eine Botschaft mitgeben darf, dann diese: Hören Sie endlich mit dieser lächerlichen Rhetorik auf, Kanada sei der 51. Bundesstaat. Als Amerikaner schäme ich mich für die Arroganz und Missachtung, die wir einem unserer historisch ältesten, stärksten und treuesten Verbündeten entgegengebracht haben.“

Verwendete Quelle: ntv.de

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