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Politik

Pionierin der #metoo-Debatte: Was an Bachmanns Texten fasziniert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 25, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 25.06.2026 • 06:24 Uhr

Ihre Texte begeistern in Seminaren und auf Social Media. Was macht die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die am Donnerstag 100 Jahre alt geworden wäre, bis heute so faszinierend?

Es ist offenbar nie zu spät, Ingeborg Bachmann zu entdecken. Die 86-jährige Schriftstellerin Helga Schubert, die in diesem Jahr die Eröffnungsrede beim traditionellen Bachmann-Preis in Klagenfurt gehalten hat, zählt sich selbst zu diesen Spätberufenen.

Lange Zeit hätte sie nur das Äußere im Leben Bachmanns gesehen, sagte sie im Interview mit NDR Kultur: das Nylonhemd, die großen Liebesaffären, der tragische Tod. Jetzt, nachdem sie sich für ihre Rede intensiv mit den Werken der Schriftstellerin auseinandergesetzt habe, komme sie zu einem anderen Schluss: „Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, Bachmann sei die bedeutendste deutschsprachige Dichterin seit 1945 – zu dem Ergebnis bin ich jetzt auch gekommen.“

Zitierfähig auch für die Social-Media-Generation

Was ist es, das sie bis heute so faszinierend macht? Vielleicht sind es die einprägsamen Sätze, die lange nachwirken. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, „Ich existiere nur, wenn ich schreibe“: Lange vor Social Media, wo diese Zitate in zahlreichen Posts regelmäßig geteilt werden, wusste Bachmann, wie man wirkungsvoll kurz und knapp mit Sprache Ausrufezeichen setzt.

Ihre Heimatstadt Klagenfurt in Österreich wirbt nicht nur mit einer brandneuen Bachmann-Skulptur von Friedenspreisträger Anselm Kiefer, sondern – natürlich – mit einem Zitat: „Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“

1959 hat Bachmann das gesagt, in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen, und doch klingt es hochaktuell, in einer Zeit, in der Konflikte wieder verstärkt mit Waffen statt am Verhandlungstisch gelöst werden. Wie eine Drohung klingt da auch der Beginn ihres vielleicht bekanntesten Gedichts „Die gestundete Zeit“:

Es kommen härtere Tage / Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.

Die Bachmann aus männlicher Künstlersicht: Anselm Kiefer hat der Schriftstellerin zum 100. Geburtstag in Klagenfurt diese Skulptur gewidmet.

Bachmann und Paul Celan: Liebe über Abgründe hinweg

Die deutsche Literaturkritikerin Insa Wilke kam zuerst über diese zitierfähigen Sätze mit Bachmanns Werk in Berührung. „Es gibt so viele Sätze, die sich verselbstständigt haben, da hatte sie einfach ein Talent“, sagte sie im Interview mit NDR Kultur.

Es seien auch die vielen Unklarheiten in ihrem Leben, die Bachmann bis heute so interessant machten – und ihr tragischer Tod mit 47 Jahren: Sie schlief mit einer brennenden Zigarette ein und erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Ihre leidenschaftlichen und Leiden verschaffenden Beziehungen zu anderen Größen der deutschsprachigen Literatur, wie Max Frisch und Paul Celan, sorgten in der Literaturwelt für zahlreiche Gerüchte und Skandale.

Besonders im Verhältnis zu Celan zeigt sich, dass Bachmann selbst mit vielen Unklarheiten rang. Auf der einen Seite der Überlebende des Holocaust, auf der anderen sie, die österreichische Tochter eines überzeugten NSDAP-Anhängers. Der 2008 veröffentlichte Briefwechsel zwischen beiden zeigt, wie schwer es war, eine gemeinsame Sprache zu finden, um den eigentlich unüberbrückbaren Abgrund zwischen beiden Familiengeschichten zu überwinden. In seinem Gedicht „In Ägypten“, das Celan ihr widmete, ringt er um diese Worte:

Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noëmi.

Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit des Vaters

Aber auch Bachmann selbst rang mit der Vergangenheit ihres Vaters, den sie als Kind sehr geliebt hatte. Dieses Gefühl, von der Vaterliebe verführt worden zu sein und damit blind für die Grausamkeiten hat sie nachhaltig beschäftigt.

„Bachmann ist die erste, die ein Tochterdrama in den Mittelpunkt stellt“, beschreibt es Bachmann-Biografin Andrea Stoll im Gespräch mit dem SWR. „Die seismografisch auch in Friedenszeiten Gewaltstrukturen in Zivilgesellschaften aufzeigt, wie schnell das kippen kann, wenn zwischen Menschen Hierarchien sind“

Anders als die in den 1950er- und 1960er-Jahren vorherrschende deutschsprachige Prosa, die sich eher an realistischen Beschreibungen versuchte, zeigte Bachmann sich dabei emotional, eher tastend als wissend.

„Undine geht“: Ein früher Vorgriff auf #metoo

Und dabei konnte sie doch anklagend sein: „Undine geht“, aus ihrem Erzählband „Das dreißigste Jahr“, gilt deshalb als einer der ersten deutschsprachigen feministischen Texte überhaupt. Auch, weil sie darin den Machtmissbrauch thematisiert, den sie zu Beginn ihrer Karriere erlebte: Die Männer, die sie förderten, wie etwa der Theaterkritiker Hans Weigel, erwarteten eine Gegenleistung, gern eine körperliche. In „Undine geht“ beschwört Bachmann daher ein „Ungeheuer namens Hans“, hinter dem sich keine Person, sondern ein System verbirgt.

Es ist ein früher Vorgriff auf die #metoo-Debatte, den sie auch in ihrem einzigen Roman „Malina“ verarbeitet: Eine nach Freiheit strebende Ich-Erzählerin lebt mit einem Mann zusammen, dem Struktur und Ordnung wichtig sind. Sie versucht auszubrechen, geht am Ende aber zugrunde.

„Es war Mord“, so die berühmten letzten drei Worte des Romans, die oft interpretiert werden als eine Umschreibung dafür, dass die männlich dominierte Nachkriegsgesellschaft Frauen zugrunde richtet. Gleichzeitig, so betonte es Bachmann selbst, seien möglicherweise beide Seiten, die Frau und Malina, auch Teile ihrer eigenen Persönlichkeit.

Das Kino hat sich mehrfach mit dem Sujet Bachmann beschäftigt. Im aktuellen Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“ verkörpert die Oscar-nominierte deutsche Schauspielerin Sandra Hüller die Autorin.

„Bachmann wollte ihre Stimme als fühlende Frau finden“

Es sind Texte, mit denen sich Bachmann verletzlich zeigte, angreifbar machte – und angegriffen wurde. „Sie wollte ihre Stimme als fühlende Frau finden und musste sich an den patriarchalen Strukturen orientieren“, beschreibt es Andrea Stoll in ihrer Bachmann-Biografie „Zwei Menschen sind in mir“.

Genau diese Verletzlichkeit macht die Wirkung ihrer Werke bis heute so stark. Auch damit ist Bachmann bis heute ein Vorbild und für viele Schreibende auch eine Identifikationsfigur. Für Elfriede Jelinek, Christa Wolf und seit diesem Jahr nun auch Helga Schubert.

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Dr. Heinrich Krämer
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