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Riesenangriff auf Kiew überlebt: Ich liege im Flur, als die Rakete im Haus gegenüber einschlägt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 25, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Riesenangriff auf Kiew überlebtIch liege im Flur, als die Rakete im Haus gegenüber einschlägt

25.05.2026, 18:08 Uhr Von Denis Trubetskoy, Kiew
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Am Morgen danach blickten die Bewohner Kiews vielerorts auf Trümmerlandschaften und ein Scherbenmeer. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Die Bewohner Kiews haben unzählige Luftangriffe hinter sich. Die Nacht zu Sonntag sprengt aber jedes bisherige Maß. Auch mir kommt der russische Tod plötzlich ganz nahe. So schockierend dieser Moment ist, so bewegend ist der Tag danach.

Eine solche Nacht wie am 24. Mai hat die ukrainische Hauptstadt Kiew noch nie seit Beginn des russischen Großüberfalls im Februar 2022 erlebt. Massive russische Luftangriffe auf Kiew gehören zwar traurigerweise seit den allerersten Stunden des Krieges zum Alltag der Drei-Millionen-Stadt. Und der bisher schwerste Winter in der modernen Geschichte von Kiew liegt erst ein paar Monate zurück. Gezielte Angriffe gegen die Energieinfrastruktur sorgten dafür, dass Hunderttausende bei Temperaturen von bis zu -20 Grad ohne Strom und ohne Heizung auskommen mussten. Doch der Angriff in der Nacht auf den Sonntag war besonders, sowohl allgemein als auch für mich persönlich.

Fast alle der rund 90 Raketen und 600 Drohnen zielten auf die Hauptstadt und die Region um Kiew. Dabei kam es auch zum dritten Einsatz der berühmt-berüchtigten Oreschnik-Mittelstreckerakete in diesem Krieg, vor dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eindringlich gewarnt hatte. Vor allem hat Russland alles dafür getan, um die Kiewer Flugabwehr mit unterschiedlichsten ballistischen Raketen zu überlasten, die ohnehin nur durch Patriot-Abwehrsysteme abgefangen werden können. Die Abwehrraketen für Patriots sind in der Ukraine jedoch zu wenige, nicht zuletzt wegen der Politik von Donald Trump.

Die Startrampen der russischen Iskander-Raketen wurden extra näher an die ukrainische Grenze verlegt, damit sie Kiew noch schneller als sonst erreichen. Gepaart wurden sie mit aeroballistischen Kinshal-Raketen und dem Hyperschall-Seezielflugkörper Zirkon. Ferner kamen neben zahlreichen Drohnen auch klassische Marschflugkörper zum Einsatz. Kurzum: Russland hat auf die Hauptstadt alles geschossen, was es zur Verfügung hat. „Gestern hat es wirklich das ganze Kiew gespürt“, schrieb mir heute eine befreundete ukrainische Kollegin. Sie hat recht. Zum ersten Mal seit Februar 2022 wurden Beschädigungen in allen Stadtteilen festgestellt. Es hat unter anderem das historische Gebäude des Hauptpostamtes in der Chreschtschatyk-Straße, mehrere bedeutende Museen und auch das Vereinsstadion von FC Dynamo Kiew erwischt, wo trotzdem am gleichen Tag noch Ligafußball gespielt wurde.

Stundenlanges Bangen im Korridor

Lange wohnte ich in Kiew im nordwestlichen Stadtteil Obolon, wo auch Präsident Selenskyj vor seinem Wahlsieg lebte. Schreckliche Nächte, die man lieber vergessen würde, hatte ich von dort in der Erinnerung. Denn obwohl ich seit Beginn des ursprünglichen Konflikts 2014 schon sehr viel erlebt habe, kann man sich an die Raketeneinschläge innerhalb eines Radius von einem Kilometer nicht komplett gewöhnen. Wenn die Wände zu wackeln beginnen, kann man am Ende einfach nur hoffen, dass die nächsten Explosionen nicht noch näher passieren.

Seit Dezember wohne ich nun im Nachbarbezirk Podil, dem historischen Zentrum Kiews, in dem ich in der Hauptstadt sowieso am meisten beruflich unterwegs war. Eigentlich war es hier stets etwas sicherer als in Obolon, obwohl es streng genommen nirgendwo in Kiew noch sicher ist, so wenig wie im Rest der Ukraine. Doch genau hier hat es mich nach fast viereinhalb Jahren nun persönlich erwischt. Vorerst bin ich zugeben einfach nur froh, dass ich heil und unverletzt geblieben bin.

Dass es diesmal eng werden könnte, war vor Beginn des mehrstündigen Angriffs abzusehen. Schon in den ersten Stunden konnte ich eindeutig russische Drohnen mit ihrem typischen Moped-artigen Sound in der Nähe hören. In solchen Fällen entsteht immer gleich die Frage, ob man gleich in den Luftschutzkeller gehen sollte, zumal die nächste U-Bahnstation nur wenige Laufminuten von mir entfernt ist. Doch es gehört zur Risikoabwägung im heutigen Kiewer Alltag, dass es keine besonders gute Idee ist, sich auf der Straße zu befinden, während eine russische Drohne womöglich über deinem Kopf abgefangen wird.

Im Wohnungskorridor zu bleiben und sich möglichst weit weg von den Fenstern zu befinden, ist zwar keine optimale Option. Im Fall der Fälle ist sie aber weniger gefährlich. Dafür habe ich mich in jener Nacht entschieden. Gegen ein Uhr hörte ich dann plötzlich gleich acht oder neun aufeinanderfolgende Explosionen, die eindeutig der Ballistik zuzurechnen sind. Sowas habe ich in der Form noch nie erlebt. Doch die Explosionen, obwohl äußerst laut, waren zum Glück nicht nah genug. Drei Stunden später war es soweit: Russische Raketen sind direkt auf der anderen Straßenseite eingeschlagen und haben unter anderem das erst vor kurzem gründlich renovierte Tschernobyl-Museum weitestgehend zerstört.

„Meine Güte, ich bin unverletzt“

Die Druckwelle auf meiner Straßenseite hat größtenteils unser Haus auf sich genommen. Daher hatten die Fenstergläser, auch bei mir in der Wohnung, keine Überlebenschance. Immer noch ist mein Hauptzimmer gefühlt zur Hälfte verglast. Erst morgen wird es gründlich aufgeräumt. Die ganze Straße war plötzlich mit Glassplittern bedeckt. Und auch heute noch arbeiten die Behörden hart daran, um alles wegzuräumen. Hinzu kamen zahlreiche zerstörte Balkons, Cafés und eine größere Bankfiliale.

Als es passierte, hatte ich nur einen einzigen Gedanken: „Meine Güte, gut erstmal, dass ich es wirklich unverletzt überlebt habe – und hoffentlich wurde bei uns im Haus zumindest niemand tödlich verünglückt.“ Das scheint glücklicherweise in der Tat der Fall zu sein. Das wirklich Blöde an einer solchen Situation ist allerdings, dass man im ersten Schritt gar nichts unternehmen kann. Man weiß, dass alles – auf gut Deutsch – beschissen ist. Aber zunächst einmal muss man bloß das Ende des Angriffs beziehungsweise des Luftalarms abwarten. Und das kann richtig dauern. Daher bleibt man im Korridor und schaut auf dem Handy Nachrichten an. Ein besonders schönes Gefühl ist das nicht.

Hinzukommen gleich zahlreiche andere Gedanken, die vielleicht auf den ersten Blick unwichtig erscheinen, dich aber trotzdem gerade unter dem ständigen Stress eines Journalisten im Krieg beschäftigen. Denn ich bin eigentlich mitten in einem komplizierten Umzugsprozess. Die beschädigte Wohnung war eine Zwischenlösung und ich ziehe bald dauerhaft in eine andere Wohnung in der Nähe. Da denkt man sich gleich: Wie schön, auch das jetzt noch. Aber auch: Ist diese andere Wohnung, für die ich erst am Freitag den Mietvertrag unterschrieben habe, eigentlich einigermaßen heil geblieben? Zum Glück ja, doch in dem Moment kann man das überhaupt nicht einschätzen. Immerhin sind das alles Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was Soldaten im Schützengraben tagtäglich erleben.

Hoffnungsschimmer im Trümmermeer

Dennoch ist es ein apokalyptisches Gefühl, wenn man nach dem Luftalarm endlich hinaus darf und die ganze Treppe ist plötzlich mit zerbrochenem Glas gedeckt ist. Und auch, wenn man plötzlich sieht, wie stark es dein liebstes georgisches Restaurant unten im Haus erwischt hat. Doch ein solch schwarzer Sonntag in der Spaska-Straße, die einerseits zum historischen Erbe Kiews gehört und andererseits in der heutigen Form einen starken Berlin-Vibe hat, kann am Ende des Tages auch Kraft geben.

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Einen Tag nach Eröffnung bedient Jewhen aus seinem nun zerstörten Café die Anwohner und Ersthelfer. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Es sind die Gespräche mit den Nachbarn, die sich gegenseitig aufmuntern, Kaffee kochen und aushelfen. Es ist die unfassbare Schnelligkeit, mit der rund um den Einschlagsort eine ganze Infrastruktur entsteht, zu der etwa Zelte mit warmen Essen und Tee gehören. Und es sind inspirierende Geschichten, eine von denen am Sonntag über die Ukraine hinaus Schlagzeilen machte. Dem freundlichen jungen Mann Jewhen bin ich fast täglich auf der Straße oder beim Holen des Feierabendbiers im Geschäft nebenan begegnet. Wir kannten uns nicht, doch ich kannte bereits seine Geschichte – er hat viel von seinen Ersparnissen investiert, um direkt um die Ecke ein nettes kleines Café zu öffnen.

Erst am Samstag erfolgte eine feierliche Eröffnung: Mit Djs, Livemusik und netten Dekorationen. Noch in der Nacht kam der Einschlag, der das Café stark beschädigte. Trotzdem hat Jewhen bereits am Morgen freien Kaffee an die Nachbarn und an die Rettungskräfte oder Polizisten ausgeschenkt. Am Abend stand bereits eine große Schlage vor seinem Laden, um das Lokal zu unterstützen und dort etwas zu bestellen – explizit nicht kostenlos. Bemerkenswert ist auch, dass der Georgier trotz der Verluste durch Beschädigungen, deren Reparatur rund 10.000 Euro kosten wird, am Montag wieder aufmachte. Wie in meiner Wohnung sind die Fenster dort nun mit Sperrholzplatten verkleidet. Auf diesen steht „Wir sind trotz allem offen“, aber auch „Putin chujlo“ geschrieben, was etwa so viel wie „Putin is a dickhead“ bedeutet.

Dass Russland mit dem Luftterror gegen Kiew und andere ukrainische Städte in absehbarer Zeit nicht aufhören wird, liegt leider auf der Hand. Daraus macht Moskau auch keinen Hehl. Marija Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, kündigte am Montag an, dass die Luftschläge weitergehen werden und dass das Außenministerium in den kommenden Tagen eine explizite Warnung an das ausländische diplomatische Korps veröffentlichen wird. Dies lässt nichts Gutes ahnen. Doch sowohl nach dem vergangenen Winter als auch nach diesem Sonntag ist mir eines trotz der Müdigkeit schleierhaft: Warum Russland noch immer glaubt, unser Durchhaltevermögen mit Luftangriffen brechen zu können.

Quelle: ntv.de

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