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Startseite»Betrugsmaschen»Sind wirklich nur 5,6 % der Bürgergeldempfänger Deutsche?
Betrugsmaschen

Sind wirklich nur 5,6 % der Bürgergeldempfänger Deutsche?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 27, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Die Grafik taucht als Sharepic in Feeds und Gruppen auf und wirkt auf den ersten Blick amtlich. Die Quelle klingt seriös, die Balken eindeutig.

"Staatsangehörigkeit von Bürgergeldempfängern Anteil je Herkunftsgruppe in Prozent" | Screenshot Facebook
„Staatsangehörigkeit von Bürgergeldempfängern Anteil je Herkunftsgruppe in Prozent“ | Screenshot Facebook

Die Grafik wirkt auf den ersten Blick eindeutig. Sie suggeriert, dass nicht mal 6 Prozent der Deutschen Bürgergeld beziehen, während ausländische Gruppen hier überwiegen.

Außerdem hat sich ein Fehler eingeschlichen: Für die aktuelle BA-Auswertung liegt die relevante SGB-II-Quote für Deutsche bei 5,2 Prozent. Aber dazu kommen wir später.

Die 5,6 Prozent werden falsch gelesen

Der Fehler steckt in der Bezugsgröße. Die Überschrift spricht von der „Staatsangehörigkeit von Bürgergeldempfängern“. Das klingt so, als zeige die Grafik, wie sich alle Empfänger nach Gruppen verteilen. Der Zusatz „Anteil je Herkunftsgruppe in Prozent“ klärt das nicht auf. Er lässt offen, worauf sich der Anteil überhaupt bezieht. So wirkt eine Bevölkerungsquote wie ein Anteil an allen Bürgergeldempfängern.

Genau darin liegt die Irreführung. Die Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) geben keine Verteilung aller Empfänger nach Gruppen an, sondern Quoten innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppe.

Die BA beschreibt die SGB-II-Quote als Anteil der Menschen in der Bevölkerung, die auf Leistungen nach dem SGB II angewiesen sind. Es geht also darum, wie groß der Anteil der Bürgergeldbezieher innerhalb einer bestimmten Staatsangehörigkeit ist. Es geht nicht darum, wie groß der Anteil dieser Gruppe unter allen Bürgergeldempfängern ist.

Deshalb ist die virale Lesart falsch. Die 5,6 Prozent in der Grafik bedeuten nicht, dass nur 5,6 Prozent aller Bürgergeldempfänger Deutsche sind.

Das Muster ist nicht neu. Einen sehr ähnlichen Fall mit derselben Fehlinterpretation der SGB-II-Quote haben wir 2025 hier erklärt: „Nur 5,3 Prozent der Bürgergeld-Empfänger sind Deutsche? Nein, falsch.“

Die Balken können keine Verteilung zeigen

Schon ein einfacher Blick auf die Grafik zeigt das Problem. Die sieben Balken ergeben zusammen 237 Prozent. Eine Verteilung aller Bürgergeldempfänger kann rechnerisch so nicht funktionieren. 

Die Grafik arbeitet damit nicht nur mit einer verkürzten Überschrift. Sie dreht auch die statistische Perspektive. Aus einer Quote innerhalb einzelner Bevölkerungsgruppen wird eine scheinbare Zusammensetzung aller Empfänger gemacht. Genau dadurch wirkt die Aussage drastischer, als die zugrunde liegenden Zahlen es hergeben. 

Hinzu kommt ein sprachlicher Fehler. Die BA arbeitet im Migrationsmonitor mit „Staatsangehörigkeit“, nicht mit „Herkunftsgruppe“. Das ist nicht dasselbe. Auch „Deutschland“ ist in dieser Form unsauber, weil die Statistik an dieser Stelle mit „Deutsche“ als Staatsangehörigkeit arbeitet. 

Mehrere Werte passen nicht zur BA-Tabelle

Für die Ausgabe April 2026 des Migrationsmonitors nennt die BA für die SGB-II-Quote nach Staatsangehörigkeit diese Werte:

  • Ukraine 52,1 Prozent
  • Syrien 47,5 Prozent
  • Afghanistan 45,7 Prozent
  • Türkei 14,7 Prozent
  • Bulgarien 25,6 Prozent
  • Irak 34,4 Prozent
  • Deutsche 5,2 Prozent

Mit der viralen Grafik passt das nur teilweise zusammen. Der Ukraine-Wert von 52,1 Prozent ist ein exakter Treffer. Bei Syrien, Afghanistan, Türkei, Bulgarien, Irak und Deutschen weichen die in der Grafik genannten Werte jedoch von der relevanten BA-Kennzahl ab. 

Das ist wichtig: Die Grafik zeigt also nicht einfach eine echte BA-Reihe mit schiefer Überschrift. Mehrere Zahlen passen inhaltlich nicht zu der Kennzahl der Quelle, mit der die Grafik arbeitet.

Bundesagentur bestätigt die Einordnung

Auf direkte Nachfrage bei der Bundesagentur für Arbeit fiel die Einordnung klar aus. Die Behörde erklärte, dass sich die Prozentwerte auf den Anteil an der jeweiligen Gesamtgruppe von Menschen mit dieser Staatsangehörigkeit beziehen, die in Deutschland leben. Gemeint ist also nicht der Anteil einer Gruppe an allen Bürgergeldempfängern, sondern die Quote innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppe.

Zugleich teilte die BA mit, dass einige der kursierenden Zahlen aus dem BA-Migrationsmonitor stammen, andere in dieser Kombination aber nicht nachvollzogen werden können.

Als sachlich richtige Kennzahl für den Anteil von Personen im SGB-II-Leistungsbezug innerhalb einer bestimmten Staatsangehörigkeit verweist die BA auf die SGB-II-Quote nach Staatsangehörigkeit. Zu finden ist sie im Migrationsmonitor der BA in Tabelle 1.3.

Außerdem stellte die Behörde klar, dass die BA-Statistik hier mit „Staatsangehörigkeit“ arbeitet und nicht mit „Herkunftsgruppe“. Wichtig ist auch der Datenstand: April 2026 bezeichnet den Monat der Veröffentlichung, die ausgewiesene SGB-II-Quote bezieht sich auf Januar 2026.

Die Grafik wirkt wie eine Zahlenmontage

Es gibt keine Kombination aus Region, Kennzahl, Berichtsmonat und Zuordnung, die die verbreitete Balkengrafik vollständig reproduziert. Einzelne Zahlen finden sich zwar an verschiedenen Stellen im Umfeld des BA-Monitors. Als zusammenhängende aktuelle Reihe ergeben sie sich aber nicht. 

Am ehesten wirkt die Grafik deshalb wie ein Patchwork aus echten und falsch zugeordneten Werten unter Nennung einer seriösen Quelle. Genau diese Mischung macht den Beitrag glaubwürdig: Eine echte Behörde wird genannt, einzelne Werte sind real, die Gesamtaussage ist trotzdem verzerrt. 

Die Grafik ist damit kein korrekter Auszug aus dem BA-Migrationsmonitor. Sie ist falsch beschriftet und statistisch irreführend.

Wie sich Bürgergeldempfänger tatsächlich verteilen

Wer wissen will, wie sich Bürgergeldempfänger nach Staatsangehörigkeit tatsächlich zusammensetzen, muss auf die absoluten Zahlen der Regelleistungsberechtigten (Tabelle 1.1) schauen, nicht auf die SGB-II-Quote. Für Deutschland gesamt ergibt sich daraus folgendes Bild:

  • Deutsche: 53,5 Prozent
  • Ukrainische Staatsangehörige: 12,7 Prozent
  • Syrische Staatsangehörige: 8,3 Prozent
  • Afghanische Staatsangehörige: 3,8 Prozent
  • Türkische Staatsangehörige: 3,6 Prozent
  • Bulgarische Staatsangehörige: 2,0 Prozent
  • Irakische Staatsangehörige: 1,6 Prozent
  • Andere Staatsangehörigkeiten: 14,5 Prozent

Genau daran wird der Kernfehler der Grafik sichtbar: Würde sie tatsächlich die Verteilung aller Bürgergeldempfänger zeigen, müsste bei Deutschen nicht ein Wert um 5 Prozent stehen, sondern mit Abstand der größte Anteil.

FAQ zum Thema: Deutsche und Bürgergeld

Sind wirklich nur 5,6 Prozent der Bürgergeldempfänger Deutsche?

Nein. Die 5,6 Prozent in der Grafik beschreiben nicht den Anteil Deutscher unter allen Bürgergeldempfängern. Für die aktuelle BA-Auswertung liegt die relevante SGB-II-Quote für Deutsche bei 5,2 Prozent. Und auch diese Quote sagt nicht, wie hoch der Anteil Deutscher unter allen Empfängern ist.

Woher stammt die Aussage über 5,6 Prozent Deutsche beim Bürgergeld?

Als Quelle wird hier die Bundesagentur für Arbeit, April 2026, angeführt. Die Zahl 5,6 passt aber nicht zur aktuellen SGB-II-Quote der BA für Deutsche. Im Migrationsmonitor April 2026 (Tabelle 1.3) liegt dieser Wert bei 5,2 Prozent. Die virale Grafik greift also nicht einfach eine aktuelle BA-Zahl korrekt auf, sondern vermischt falschen Wert und falsche Lesart.

Wie prüft man solche Bürgergeld-Zahlen im Internet?

Man muss zuerst klären, welche Kennzahl überhaupt gezeigt wird. Danach sollte geprüft werden, ob Region, Datenstand, Tabellenblatt und statistische Kategorie wirklich zur Behauptung passen. Gerade bei viralen Grafiken kippt die Aussage oft an genau diesen Stellen.

Arbeitet die BA mit Herkunft oder mit Staatsangehörigkeit?

Die BA verwendet im Migrationsmonitor das Kriterium Staatsangehörigkeit. Die Formulierung „Herkunftsgruppe“ ist hier deshalb bereits eine unsaubere Verschiebung. 

Sind die übrigen Werte der Grafik korrekt?

Nur teilweise. Der Ukraine-Wert passt zur relevanten SGB-II-Quote, mehrere andere Werte jedoch nicht. Die gezeigte Reihe lässt sich so nicht als aktuelle BA-Auswertung reproduzieren.

Wie viele Deutsche beziehen aktuell Bürgergeld?

Im Januar 2026 waren rund 2,773 Millionen Deutsche im SGB-II-Leistungsbezug. Das entsprach etwa 53,5 Prozent aller Regelleistungsberechtigten.

OFFICIAL

Bundesagentur für Arbeit

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Claudia Spiess

Claudia Spiess ist Redakteurin und Designerin bei Mimikama,
Österreichs führender Faktencheck-Organisation. Sie verbindet
journalistische Sorgfalt mit visueller Kommunikation und trägt
zur verständlichen Aufbereitung von Faktenchecks bei.

Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
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