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Ukraine: Sexarbeit im Frontgebiet | tagesschau.de

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 24, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Weltspiegel

Stand: 24.06.2026 • 17:05 Uhr

Viele ukrainische Soldaten suchen im Frontgebiet Sexarbeiterinnen auf. Für die Frauen bedeutet das ein Einkommen in einer auch wirtschaftlich prekären Situation – aber auch neue Risiken.

Susanne Petersohn

Als Ljudmyla im Mai 2022 zum ersten Mal Sex gegen Geld anbietet, ist sie gerade 18 Jahre alt. Der russische Großangriff auf die Ukraine läuft erst wenige Monate. Arbeit ist für sie schwer zu finden.

„Als der Krieg begann, gab es nur sehr wenig Arbeit. Ohne Berufserfahrung stellte dich fast niemand ein“, erzählt die heute 22-Jährige. Sie sitzt auf einer Parkbank in Isjum. Die ostukrainischen Stadt ist längst zur Garnisonsstadt geworden.

Sie habe nach einer Stelle als Barista gesucht. „Ich kam zu einem Interview für die Stelle – und mit mir kamen drei weitere Mädchen.“

Den Job bekommt sie nicht. Stattdessen steigt sie kurz darauf in die Sexarbeit ein. Heute arbeitet Ljudmyla überwiegend in frontnahen Städten wie Isjum. Ihre Kundschaft bestehe, sagt sie, ausschließlich aus Soldaten.

Ljudmyla fand keine Arbeit, bevor sie Sexarbeiterin wurde. Sie sagt, viele Soldaten nähmen ihre Dienste in Anspruch, um über den Horror des Krieges zu sprechen.

„Meistens wollen sie reden“

„Meistens wollen sie reden. Sex – das sowieso, aber sie wollen auch reden“, sagt sie. „Weil sie ständig nur unter Männern sind. Ihnen fehlt weibliche Aufmerksamkeit, Wärme. Manche kommen und zahlen Geld, um einfach zu reden.“

Bis zu sieben Kunden habe sie am Tag oder in der Nacht. Die Militärs zahlten gut – 6.000 Hrywnja für eine Stunde, umgerechnet knapp 120 Euro. Denn für viele Soldaten sei der Besuch bei einer Sexarbeiterin mehr als körperliche Befriedigung.

Ljudmyla berichtet von Gesprächen über Kriegserlebnisse, Angst und Erschöpfung. „Sie erzählen viel darüber, wie sie Russen töten. Manchmal beschweren sie sich, wie sehr sie es satt haben“, sagt sie. „Im Prinzip ist es ständiger Stress, weil sie, wie sie sagen, am Rande von Leben und Tod stehen.“

Manche zeigten ihr Videos aus dem Krieg. Andere weinten. „Sie müssen einfach sprechen, damit es später einfacher wird“, sagt Ljudmyla. „Denn sie sind ständig unter den Jungs und es gibt nichts, worüber sie reden könnten, weil alle dasselbe gesehen haben.“

Die dunkle Seite der Kriegserfahrungen

Dass Militärs inzwischen im Frontgebiet die wichtigste Kundengruppe für Sexarbeiterinnen darstellen, beobachtet auch Olena Makaja. Sie leitet die Hilfsorganisation Positive Frauen in Saporischschja, im Südosten des Landes. Die Organisation wurde ursprünglich von HIV-positiven Frauen gegründet. Heute unterstützt sie unter anderem Sexarbeiterinnen mit medizinischer Versorgung, psychologischer Hilfe, Kondomen und vielem mehr.

Makaja warnt: Die psychische Belastung vieler Soldaten habe eine dunkle Seite. „Leider sind viele unserer Mädchen Opfer von Gewalt durch das Militär“, sagt sie. „Wir wissen, dass diese Grausamkeit genau durch diese stressigen Situationen verursacht wird, wenn ihre Kameraden in der Nähe sterben, wenn sie ständig unter Beschuss stehen.“

Der Krieg habe die Männer gewalttätiger gemacht, und das werde an die Sexarbeiterinnen weitergegeben. Sie berichtet von Fällen schwerster Gewalt und Misshandlungen. „Wir wurden von vergewaltigten Mädchen angesprochen. Zum Beispiel bucht ein Mann ein Mädchen angeblich nur für sich selbst, bringt sie zu sich in die Unterkunft, und dort warten zehn bis zwölf Männer auf sie, und alle vergewaltigen sie.“

Andere Frauen würden geschlagen oder auf andere Weise schwer verletzt. „Sie haben fast ständig blaue Flecken und Kratzer“, sagt die Sozialarbeiterin. Besonders gefährdet seien Frauen, die viel mit neuen Kunden arbeiten. Wer dagegen viele Stammkunden habe, sei besser geschützt.

„Davon will man nichts hören“

Makaja macht klar: Nichts rechtfertige diese Gewalt. Posttraumatische Belastungsstörungen, Angst, Alkoholmissbrauch und fehlende psychische Unterstützung und Hilfe seien ein massives Problem. Hinzu komme, dass es keine gesellschaftliche Debatte in der Ukraine zu diesem Thema gebe. „Davon, dass das Militär diese Dienstleistungen in Anspruch nimmt, will man nichts hören. Vor allem auch die Ehefrauen dieser Soldaten wollen nichts davon hören.“

Sie habe dafür Verständnis, doch es gebe hier wirklich große Probleme, die dringend angegangen werden sollten, meint Makaja. Eines sei auch die zunehmende Verbreitung schwerer Krankheiten wie HIV, Syphilis und Hepatitis.

Auch die Sexarbeit hilft nicht aus der Not

Trotz aller Risiken gebe kaum eine der Frauen, die bei ihr Hilfe suchen, den Beruf auf. Die Gründe dafür seien sehr individuell: Geldnot, Drogensucht, Ehemänner oder Partner, die die Frauen zur Prostitution zwingen und vieles mehr. Zudem würden viele Frauen die Gewalt und Krankheiten als „Teil ihrer Arbeit“ ansehen, sagt Makaja.

Auch Nadija ist Sexarbeiterin in einer Frontstadt, sie hat uns gebeten, ihren Namen zu ändern. Die 55-Jährige kann von ihrem Gehalt als Reinigungsfachkraft nicht leben. „Ich brauchte Geld für die Miete, Nebenkosten, die Ausbildung meiner Kinder, Lebensmittel, Medikamente, Kleidung und Fahrtkosten“, berichtet sie.

Ihr eigentliches Gehalt habe nicht einmal die Hälfte ihres Bedarfs abgedeckt. Doch auch mit dem zusätzlichen Job als Sexarbeiterin decke ihr Einkommen gerade einmal die Grundbedürfnisse – auch weil wenig Kunden zu ihr kämen.

Ihre beiden heute erwachsenen Kinder wüssten nichts von ihrer zweiten Arbeit, sagt sie. Lieber würde sie damit aufhören. Einen liebevollen Ehemann finden, sagt sie.

Die Hilfsorganisation Positive Frauen in Saporischschja bietet auch Gruppentherapie für ehemalige Sexarbeiterinnen an – viele berichten von brutaler Gewalt.

Illegal – und auf sich allein gestellt

Sexarbeit ist in der Ukraine illegal. Das erschwert nach Ansicht von Makaja den Schutz der Frauen. „Aus irgendeinen Grund glauben Männer, wenn eine Frau sexuelle Dienste gegen Bezahlung anbietet, dann kann man alles mit ihr machen und sie verletzten“, sagt sie.

Eine Legalisierung der Sexarbeit würde ihrer Ansicht nach vieles verbessern. „Die Mädchen wären geschützt. Sie könnten sicher zur Polizei gehen, wenn sie vergewaltigt würden.“ Auch Ljudmyla befürwortet eine Legalisierung. In der Ukraine sei jede Sexarbeiterin weitgehend auf sich allein gestellt.

Ljudmyla träumt davon, irgendwann ganz neu anzufangen. Sie spart auf eine Wohnung in ihrer Heimatregion Tscherkassy. Außerdem möchte sie ein Auto kaufen, mit einer eigenen Band Musik machen und irgendwann ein eigenes kleines Unternehmen gründen.

Jetzt aber verdient sie ihr Geld weiter in den Städten nahe der Front. Wo Soldaten nach Sex und Nähe suchen.

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Dr. Heinrich Krämer
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