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Valery war nach zwei Wochen tot: Wie Russland seine „Freiwilligen“ verheizt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 22, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Valery war nach zwei Wochen totWie Russland seine „Freiwilligen“ verheizt

21.05.2026, 19:31 Uhr Von Artur Weigandt
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Russische Soldaten in der Ukraine. Seit einigen Monaten sterben dort mehr russische Soldaten als die Armee personellen Nachschub schicken kann. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Valery Averin dachte, er unterzeichnet einen Vertrag als Drohnenpilot – mit gutem Gehalt, sicherem Einsatz und einem Vertrag für nur ein Jahr. Zwei Wochen nach Abschluss seiner Ausbildung ist der 23-Jährige tot.

Valery Averin, ein Student aus Burjatien in Russland, ist der erste namentlich dokumentierte Fall eines jungen Russen, der über die gezielte Rekrutierungskampagne an russischen Hochschulen in den Krieg gegen die Ukraine gezogen und dort gefallen ist. Anfang Januar 2026 unterschrieb der 23-Jährige einen Vertrag für die neu geschaffenen Drohnen-Streitkräfte. Ihm wurden eine Ausbildung zum Drohnenpiloten, hohe finanzielle Anreize, ein auf ein Jahr begrenzter Vertrag und ein „sicherer“ Einsatz fernab der direkten Kampfhandlungen versprochen.

Stattdessen starb er nur zwei Wochen nach Abschluss seiner Ausbildung durch Mörserfeuer in der Nähe der ukrainischen Stadt Luhansk, wie der russischsprachige Dienst der BBC berichtet. Der Fall beleuchtet ein systematisches Vorgehen des russischen Verteidigungsministeriums, das seit Ende 2025 verstärkt Studenten und Auszubildende anwirbt, um Personalengpässe auszugleichen.

Vor einer Generalmobilmachung schreckt das Regime bislang zurück, weil es die politischen Risiken fürchtet. „Mittlerweile ist der Krieg im fünften Jahr, die Belastungen für die Bevölkerung nehmen zu“, sagte der Russland-Experte Matthias Uhl im Interview mit ntv.de. „Deshalb scheut sich die Regierung noch, zusätzliche Unruhe zu schüren. Offenbar merkt sie, dass das Protestpotenzial stärker wird.“

„Alles wird normal, mach dir keine Sorgen“

Valery Averin wuchs unter schwierigen Verhältnissen auf. Er verbrachte seine frühen Jahre im Kinderheim von Timluj in Burjatien und kam mit elf Jahren in eine Pflegefamilie. Seine Adoptivmutter, Oksana Afanasyeva, beschreibt ihn laut BBC als jungen Mann, der „sehr gerne dienen wollte“. Bei der regulären Wehrpflicht wurde er jedoch abgelehnt – offiziell aufgrund angeblicher psychischer Instabilität.

Trotz dieser Zurückweisung gelang es ihm, im letzten Studienjahr an der Technischen Hochschule in der burjatischen Ulan-Ude einen Militärvertrag zu unterzeichnen. Das war am 3. Januar. Seiner Mutter erzählte er, er fahre zu Wildberries, dem russischen Online-Versandhändler, um Geld zu verdienen. Als sie die Wahrheit erfuhr, war sie entsetzt. Seine beruhigende Antwort lautete: „Nichts wird mit mir passieren, alles wird normal, mach dir keine Sorgen.“

Am 24. März 2026 schloss er eine Ausbildung zum Drohnenpiloten ab. Sein letzter Anruf bei der Mutter erfolgte am 2. April: Er fahre an einen Ort ohne Handynetz. Bereits am 8. April erfuhr Oksana Afanasyeva, dass ihr Pflegesohn am 6. April durch Mörserfeuer ums Leben gekommen war – 13 Tage nach dem Ende seiner Ausbildung. Berichten zufolge wurde er trotz fehlender Kampferfahrung in eine Sturm-Einheit versetzt.

Die Realität sieht anders aus

Seit Ende 2025 läuft eine landesweite Kampagne des russischen Verteidigungsministeriums an Hunderten von Universitäten und Technischen Hochschulen. Mindestens 194 Bildungseinrichtungen in zahlreichen Regionen sind beteiligt. Studenten werden über „Lektionen des Mutes“, über patriotische Veranstaltungen, Drohnen-Ausstellungen und direkte Ansprache rekrutiert.

Die typischen Versprechen umfassen hohe Einmalzahlungen, die oft mehrere Millionen Rubel erreichen und umgerechnet bis zu 50.000 Euro und mehr betragen können. Den jungen Männern wird ein auf ein Jahr begrenzter Vertrag zugesichert sowie ein Einsatz als Drohnenpilot in sicherer Entfernung zur Front. Zusätzlich werden spätere Vorteile wie ein kostenloses Studium oder bessere Karrierechancen in Aussicht gestellt.

Die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Nur ein kleiner Teil der Rekruten – geschätzt zehn bis fünfzehn Prozent – landet tatsächlich bei den Drohneneinheiten. Viele werden schnell in Infanterie- oder Sturmverbände gesteckt.

„Freiwillig“ ist relativ

Ob Valery Averin wirklich „dienen“ wollte, wie seine Adoptivmutter sagt, lässt sich kaum mehr klären. Allerdings gibt es Berichte über Quoten, die von den Hochschulen erfüllt werden müssen. Teilweise zwei Prozent der Studierenden sollen demnach an die Armee weitergereicht werden. Den Druck gegen die Hochschulen an die Studenten weiter: durch Androhung von Exmatrikulation bei schlechten Leistungen.

Averins Studium war typisch dafür: Regelmäßige patriotische Veranstaltungen und militärische Präsentationen schufen ein Klima, in dem der Dienst als attraktive und ehrenvolle Option erschien – besonders in strukturschwachen Regionen wie Burjatien.

Formell handelte es sich bei Averins Entscheidung um einen freiwilligen Vertrag. Doch der Kontext relativiert diesen Begriff stark. In ärmeren Regionen ist der Militärdienst oft einer der wenigen gut bezahlten Auswege aus der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit. Hinzu kommen sozialer und institutioneller Druck. Viele Rekruten berichten zudem von bewussten Fehlinformationen zur tatsächlichen Sicherheit des Einsatzes.

Verluste wie im Ersten Weltkrieg

Besonders vulnerable Zielgruppen wie Waisen, Pflegekinder, Studierende aus Minderheiten oder mit schwachen akademischen Leistungen werden offenbar gezielt angesprochen. Menschenrechtler und unabhängige Medien sprechen daher von einer „versteckten Mobilmachung“, die durch finanzielle Lockmittel und institutionellen Druck funktioniert, ohne die politischen Kosten einer offenen Einberufungswelle tragen zu müssen.

Nach westlichen Schätzungen übersteigt seit Beginn des Jahres die Zahl der getöteten russischen Soldaten erstmals die Zahl der neuen Rekruten – Russland kann also nicht so viel personellen Nachschub an die Front schicken, wie der russischen Armee verlorengeht. Das ist ein Grund, warum Studenten nach viel zu kurzer Ausbildung in den Kampf geschickt werden – und warum die Rekrutierungskampagne hochgefahren wird.

Burjatien zählt seit 2022 zu den am stärksten betroffenen Regionen Russlands. Ethnische Minderheiten wie Burjaten, Tuwinen oder Dagestaner stellen einen überdurchschnittlich hohen Anteil an den Verlusten. In manchen Bezirken Burjatiens erreichen die bestätigten Todesfälle unter wehrfähigen Männern Anteile, die an die Verluste des Ersten Weltkriegs erinnern.

Dieses Muster setzt sich in der aktuellen Studentenrekrutierung fort: Junge Männer aus der Provinz und aus Minderheitenregionen füllen die Lücken, während Großstädte wie Moskau oder Sankt Petersburg vergleichsweise geringere Verluste melden.

Quelle: ntv.de

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