VIP VIP, Hurra!Zwischen Wechseljahren und Babybauch: Was viele Frauen nicht wissen

Heidi Klum spricht plötzlich offen über die Wechseljahre und Jeanette Biedermann wird mit 46 schwanger. Und irgendwo zwischen Cannes und Babybauch-Schlagzeilen merkt man plötzlich, wie wenig ehrlich eigentlich über weibliche Körper gesprochen wird.
Hach, schön, Freitag! Das Ende einer Woche mit unzähligen Meldungen, vor allem über Frauen in auffälligen Kleidern. Frauen, die „viel Haut“ zeigen und „tief blicken“ lassen und hey, wenn wir schon so schön körperfixiert und doppeldeutig unterwegs sind, am besten sind doch immer noch die Meldungen über „Po-Ausschnitte“. Wahnsinn, was da in Cannes so los ist! Bei all den Artikeln über „Verstöße gegen die Kleiderordnung“, inklusive feinster Klick-Wörtchen wie Dekolleté und transparente Kleider, die mehr zeigen als sie verdecken, fragt man sich unweigerlich: Geht es da überhaupt noch um Filme?
Klar, der Boulevard plätschert wie immer an der Oberfläche entlang und konzentriert sich eher auf Visuelles als auf Inhalte, aber während man bei Männern meistens etwas über neue Projekte oder Karriereschritte liest, geht es bei Frauen oft erstaunlich zuverlässig darum, wie viel Stoff sie auf ihrer „nackten Haut“ tragen und wie sehr ihre „tief geschnittene Rückseite verzückt“.
Eine, die ganz offensichtlich auf die Richtlinien in Cannes pfeift, ist Heidi Klum. Das Model wurde von Paparazzi „oben ohne“ auf einem Hotelbalkon fotografiert und natürlich sorgen die freizügigen Bilder, abseits des roten Teppichs, prompt wieder für Schlagzeilen.
„Mein Job war immer, gesehen zu werden“, sagt das Supermodel in einem Interview und weiter: „Das liebe ich auch. Vielleicht, weil ich schon immer auf der Bühne stand. Zudem bin ich ein bisschen exhibitionistisch. Ich liebe es, rauszugehen, zu walken und zu wissen, dass die Leute einen anschauen.“
Ist sie dafür nicht zu alt?
So trägt die 52-Jährige für einen gemeinsamen Auftritt an der Côte d’Azur mit ihrem Tom unter anderem eine tiefblaue Robe von Vivienne Westwood im Korsagen-Schnitt. Der weit fallende Ausschnitt gibt dabei auch den schwarzen BH-Einsatz des Kleides preis, was zunächst wie ein kleiner Stylingfehler wirken könnte, tatsächlich aber Teil des Designs ist. Abgerundet wird der Look durch funkelnde Diamanten an den Händen der „Model-Mama“.
Wir halten fest: Heidi beherrscht das Spiel mit den Medien in Perfektion. Die Frau ist durch und durch Profi, sie weiß ganz genau, welche Bilder funktionieren, wie Medien reagieren und dass die berühmtesten roten Teppiche dieser Welt eben nicht nur Kulturveranstaltungen, sondern auch gigantische Bühnen für Selbstinszenierung sind.
Heidi Klum ist keine naive Frau, die zufällig in einem Kleid auftaucht, das, wie manche Stylingexperten urteilen, so „unvorteilhaft geschnitten“ sei, dass ihre Brüste „Hans und Franz“ fast herauspurzeln. All die immer gleichen Fragen wie: Ist sie dafür nicht zu alt? Muss sie sich mit Ü50 noch immer wie ein Teenager kleiden? Sind garantiert bewusst einkalkuliert.
Denn genau so funktioniert Boulevard heute oft: schnell, körperfixiert und meistens ohne jeden originellen Gedanken. Dadurch meint auch gefühlt jeder Zweite, all diese Prominenten persönlich zu kennen und selbstverständlich eine Meinung über sie haben zu müssen. Und natürlich auch über Klums – ganz wichtig, stets zu betonenden – viel jüngeren Mann. Heidi hier, Heidi da. „Heidi setzt ihre Kurven in Szene“, „glänzt in Spitze“, „zeigt Bein“ und so weiter und so belanglos.
„I’m hotter than ever“
Doch plötzlich spricht Heidi Klum bei den Filmfestspielen in Cannes offen über die Wechseljahre. Und in einer Gesellschaft, die sich obsessiv an Jugend klammert und alles Ältere möglichst glatt retuschieren möchte, ist es tatsächlich bemerkenswert, wenn ausgerechnet eine Frau wie sie dieses Thema sichtbar macht.
Gerade sie, die seit Jahrzehnten mit ihren Looks spielt und nach außen hin nahezu alterslos wirkt, spricht plötzlich ganz offen darüber, nachts schweißgebadet aufzuwachen oder nicht mehr schlafen zu können. Dass sie dabei sagt, „I’m hotter than ever“, ist natürlich auch kalkulierter Charme, aber trotzdem steckt darin etwas Wahres.
Denn Wechseljahre werden gesellschaftlich noch immer behandelt, als müssten Frauen ab Mitte 40 langsam unsichtbar werden und vor allem: weniger sexy. Darf die das noch tragen? Ist der Rock nicht viel zu kurz? Dabei betrifft dieses Thema irgendwann jede Frau, und erstaunlich viele wissen trotzdem fast nichts darüber, bis sie selbst plötzlich mittendrin stecken.
Und genau das ist der Punkt: wie wenig ehrlich eigentlich über weibliche Körper gesprochen wird. Über das Älterwerden, über Fruchtbarkeit, kurzum über all die Dinge, die in den meisten Frauenzeitschriften oft noch immer lieber weichgezeichnet werden, weil sie nicht in eine Welt passen, in der Frauen heute möglichst gleichzeitig jung, erfolgreich, attraktiv, unabhängig und bitte am besten auch noch jederzeit spontan schwanger sein sollen.
Schwanger mit 46?
Denn während Heidi Klum nun über Wechseljahre spricht, sorgt Jeanette Biedermann mit 46 Jahren wegen ihrer Schwangerschaft für Schlagzeilen. Und natürlich freuen sich viele Menschen verständlicherweise mit ihr. Gleichzeitig fällt bei solchen Meldungen aber auch immer wieder auf, wie groß die Unwissenheit rund um die weibliche Fruchtbarkeit ist.
Denn nicht wenige Frauen glauben heute tatsächlich, sie hätten nahezu unbegrenzt Zeit. Vielleicht auch deshalb, weil man ständig prominente Schwangerschaften jenseits der 40 sieht, ohne dass jemals wirklich eingeordnet wird, wie außergewöhnlich manche dieser Fälle biologisch eigentlich sind. Da sitzen dann Freundinnen mit Anfang oder Mitte 40 bei einem Glas Wein zusammen und sagen ganz entspannt: „Ach, vielleicht nächstes Jahr.“ Und wenn man dann vorsichtig erwähnt, dass die Fruchtbarkeit medizinisch betrachtet ab Mitte 30 relativ deutlich sinkt und ab 40 noch einmal drastischer abnimmt, schauen viele Frauen tatsächlich erschrocken.
Dabei weisen Mediziner seit Jahren darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Schwangerschaft ab etwa 35 deutlich sinkt und Frauen Mitte 40 pro Zyklus oft nur noch eine sehr geringe Chance haben, spontan schwanger zu werden. Während Frauen mit 35 pro Zyklus statistisch noch eine Chance von ungefähr 15 bis 20 Prozent haben, liegt sie mit 40 nur noch bei etwa fünf Prozent. Mit 44 Jahren sinkt sie auf ungefähr ein Prozent oder teilweise sogar darunter.
„Achso? War mir gar nicht so bewusst“
Genau darüber wird gesellschaftlich aber erstaunlich wenig offen gesprochen, weil das Thema offensichtlich irgendwo verloren gegangen ist. Ich habe selbst einmal länger mit Ärzten darüber gesprochen, auch wegen meiner Endometriose, bei der das Thema Schwangerschaft ohnehin komplizierter ist. Und ich weiß noch genau, wie ein Arzt einer Kinderwunsch-Klinik damals sagte, dass eine natürliche Schwangerschaft mit 45 oder 46 etwas sei, das er in dieser Form vielleicht einmal in 20 Jahren erlebt habe.
Gleichzeitig kenne ich tatsächlich eine Frau, bei der genau das passiert ist. Und gerade das macht das alles so verwirrend. Weil Menschen sich verständlicherweise immer an die spektakuläre Ausnahme erinnern.
Dazu kommt natürlich auch, dass die moderne Lebensrealität manchmal mit einer Biologie kollidiert, die sich herzlich wenig für Selbstverwirklichung interessiert. Bei Jeanette Biedermann finde ich übrigens vor allem bemerkenswert, wie anders heute über Schwangerschaften mit Mitte 40 gesprochen wird als noch vor 10 oder 15 Jahren. Früher wäre das sofort als „Risikoschwangerschaft“ diskutiert worden. Heute reagieren viele eher mit Freude oder Respekt. Gleichzeitig sieht man aber auch wieder diese typische Promi-Dynamik: Der Babybauch wird gezeigt, oh, sehen wir da vielleicht „ein süßes Geheimnis“?
Heidi Klum spricht offen über ihre Wechseljahre und eine Frau wird mit Mitte 40 schwanger. Wir sollten viel offener über all das sprechen, denn die Realität ist eben komplexer als jeder rote Teppich in Cannes.
