Biologische Vielfalt ist lebenswichtig für den Menschen. Um sie zu schützen, brauchen Kommunen Geld, Personal und politischen Willen. Im rheinland-pfälzischen Germersheim soll nun eine Biodiversitätsmanagerin helfen.
Wenn Ines Schmauderer durch das rheinland-pfälzische Germersheim geht, schaut sie anders auf die Stadt als die meisten Menschen. Sie achtet auf die Pflanzen neben den Straßen oder ob und welche Tiere unterwegs sind. Ob Vögel zwitschern oder Insekten summen. „Ich bin in Germersheim immer mit dem Blick der Biodiversitätsmanagerin unterwegs“, sagt sie. Seit Februar arbeitet die studierte Geoökologin als erste „kommunale Biodiversitätsmanagerin“ in Germersheim.
In den ersten Wochen war sie allerdings nicht nur draußen unterwegs, sondern viel in Meetings, um an Informationen zu kommen, sagt die 32-Jährige. Ihre Aufgabe: Sie soll dabei helfen, das Artensterben in der Stadt im südlichen Rheinland-Pfalz aufzuhalten. Denn eine hohe biologische Vielfalt ist auch für den Menschen wichtig: Sie versorgt uns zum Beispiel mit sauberem Wasser, frischer Luft und fruchtbaren Böden. Eine vielfältige Stadtnatur schafft auch eine lebenswertere Umgebung, schützt besser vor den Folgen des Klimawandels und bietet Platz für Tiere und Pflanzen.
Im Gespräch mit der ARD-Klimaredaktion sitzt Schmauderer auf dem kleinen Platz vor dem Haus der Germersheimer Stadtverwaltung. Stauden blühen, Vögel zwitschern, ein kleiner Fluss fließt vorbei. Dazwischen stehen Spielgeräte für Kinder, ein Bücherschrank für Erwachsene. Könnte hier noch mehr für die biologische Vielfalt getan werden? „Mehr geht immer“, sagt die Biodiversitätsmanagerin. Aber man müsse im Blick behalten, „dass die Flächen auch für andere Dinge zur Verfügung stehen müssen“.
Ines Schmauderer hat am Karlsruher Institut für Technologie Geoökologie studiert. Seit Februar arbeitet sie bei der Stadt Germersheim daran, das Artensterben vor Ort aufzuhalten.
Mehr Biodiversität bei wenig Raum?
Damit bringt sie eine Herausforderung ihres Jobs als kommunale Biodiversitätsmanagerin schon auf den Punkt: Die Stadt Germersheim ist dicht besiedelt. Auf rund 22 Quadratkilometern leben 21.700 Menschen. Platz für mehr Grün, für mehr Artenreichtum, für vielfältige Ökosysteme schaffen – das wird schwierig.
Bis Ende 2027 soll Schmauderer dafür eine Strategie vorlegen. Sie steht noch am Anfang der Arbeit. Grundsätzlich aber sei es wichtig, dass es nicht nur bei einzelnen, schönen Flächen bleibe. „Man muss ein Netzwerk schaffen, damit beispielsweise Tiere die Möglichkeit haben, in Korridoren zu wandern“, sagt Schmauderer. Ihr Blick richtet sich auf die privaten Gärten in der Stadt: „Da kann man viel machen.“ In den nächsten Monaten soll es deswegen Veranstaltungen für die Menschen vor Ort geben. Auch ein Projekt an Grundschulen ist geplant.
Städte brauchen Geld und Personal für Biodiversität
Die Stelle und die Arbeit der kommunalen Biodiversitätsmanagerin werden vom Bundesamt für Naturschutz gefördert. Die Stadt Germersheim bekommt dafür 250.000 Euro. Einige wenige andere Kommunen in Deutschland kriegen auch Geld über den Förderschwerpunkt „Stadtnatur“. Zum Beispiel Osnabrück in Niedersachsen oder Schwabach in Franken.
Ausreichende finanzielle Mittel, sagt Robert Bartz, seien neben anderen Faktoren wichtig, um biologische Vielfalt in Städten nachhaltig zu fördern. Bartz ist Fachreferent für Biodiversitätsstrategien beim Bündnis „Kommunen für biologische Vielfalt“ – einem Zusammenschluss von aktuell 437 deutschen Städten, Gemeinden und Landkreisen.
Doch in Zeiten von oft leeren Kassen rutsche das Thema nach hinten. „So eine Strategie schreibt man nicht mal eben an einem Nachmittag zusammen, das kostet“, sagt Bartz. In der Regel dauere es ein, zwei Jahre, bis eine kommunale Biodiversitätsstrategie als Dokument vorliege. Dafür gebe es im besten Fall eine Person in der Verwaltung, die die verschiedenen Interessenvertreter aus der Bevölkerung und aus den Fachabteilungen der Kommune immer wieder an einen Tisch zusammenbringe.
Wenn sich eine Kommune auf den Weg macht, um die biologische Vielfalt zu fördern, gebe es ein wichtiges Mittel, das im Siedlungsraum „tatsächlich viel bewirken“ könne, sagt Bartz. Kommunen können Grünflächen deutlich seltener mähen, Flächen weniger stark bearbeiten. Doch das sei häufig „ein dickes Brett, das gebohrt werden muss“, sagt Bartz. „Das Aussehen dieser Flächen bricht mit den herkömmlichen Sehgewohnheiten.“
Mehr Biodiversität hilft beim Umgang mit Klimawandel
Was gut sei für die Vielfalt von Arten und Ökosystemen in einer Stadt, wirkt oft wilder und ungepflegter. Das weiß auch Biodiversitätsmanagerin Schmauderer. Man müsse das den Menschen gut erklären, sagt sie. Und auch, dass mehr biologische Vielfalt in einer Stadt hilft, mit den Auswirkungen des Klimawandels besser zurecht zu kommen. Vor allem in einer Stadt wie Germersheim: Die liegt am Oberrhein und damit in einer der wärmsten und trockensten Regionen Deutschlands.
„Biodiversität sorgt dafür, dass Ökosysteme stabil bleiben“, sagt Schmauderer, „dass es unter anderem Kühlung gibt, dass Wasser gespeichert wird“. Fällt das weg, könne das die Lebensqualität der Menschen vor Ort verschlechtern. „Gerade, wenn wir ein paar Jahre in die Zukunft gucken.“
Zwei Jahre hat Ines Schmauderer Zeit, die Menschen in Germersheim für mehr biologische Vielfalt zu gewinnen und eine Biodiversitätsstrategie für die Stadt zu schreiben. Ob danach noch Geld da ist, damit sie weitermacht, sei noch unklar. Die Arbeit jedenfalls, sagt sie, gehe nach den zwei Jahren erst richtig los.
Der 22. Mai ist „Internationaler Tag der biologischen Vielfalt“
Der Tag wurde von den Vereinten Nationen eingeführt, um auf die Bedeutung der biologischen Vielfalt aufmerksam zu machen. Dabei geht es um den Schutz von Tier- und Pflanzenarten, ihrer Lebensräume und der genetischen Vielfalt. Der Aktionstag erinnert daran, dass Biodiversität wichtig für Nahrung, sauberes Wasser, Klima und das menschliche Leben ist. Gleichzeitig soll er Menschen und Staaten motivieren, die Natur besser zu schützen und nachhaltig zu handeln.
