Analyse
Nach dem Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran sind die Ölpreise massiv gefallen. Doch der Rückgang könnte übertrieben sein: Viele Länder müssen ihre geleerten Öllager jetzt wieder auffüllen.
Groß war das Aufatmen am Ölmarkt heute vor einer Woche: Nach mehr als 100 Tagen der schwersten jemals verzeichneten Störung der weltweiten Energieversorgung hatten die USA und Iran ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Die Ölpreise sind seither deutlich zurückgefallen, zur Wochenmitte rutschte der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der weltweiten Referenzsorte Brent zur Lieferung im August erstmals seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar unter 75 Dollar – gegenüber dem Krisenhoch von 126 Dollar ist das ein Minus von rund 40 Prozent.
Ölpreis spiegelt viel Hoffnung wider
Doch der Preissturz erzählt nur einen Teil der Geschichte, zeigt er doch vor allem die Hoffnungen der Anleger. „In dem jetzigen Ölpreisrückgang steckt eine sehr positive Erwartungshaltung drin“, sagt Thomas Benedix, Rohstoffanalyst bei Union Investment, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Die Marktteilnehmer gingen davon aus, dass der Produktionsstart im Mittleren Osten reibungslos verlaufe und die Straße von Hormus offen bleibe.
Mut machen dabei auch Meldungen über erste Schiffe, die die Meerenge wieder passieren. Der Frachtverkehr durch die Straße von Hormus hat nach Angaben des auf die Analyse von Schifffahrtsdaten spezialisierten Unternehmens Kpler zuletzt den höchsten Stand seit Beginn des Iran-Kriegs erreicht.
Ölpreisrückgang übertrieben?
Thu Lan Nguyen, Leiterin der Rohstoff- und Devisenanalyse der Commerzbank, geht davon aus, dass nun wieder mehr Öl aus der Region auf den Markt kommt. „Und dadurch verringert sich natürlich die Angebotslücke am Ölmarkt, die die Preise nach oben getrieben hatte.“
Doch im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion warnt Nguyen zugleich vor zu viel Euphorie: „Der Rückgang der Ölpreise ist zum Teil schon übertrieben, weil wir nicht wissen, in welcher Geschwindigkeit der Schiffsverkehr sich jetzt wirklich normalisieren wird.“ Wie schnell die Märkte wirklich zu Vorkriegsniveaus zurückkehren, bleibe „sehr, sehr unsicher“. Sie sei skeptisch, „dass das so schnell passiert“.
Die Gründe liegen auf der Hand: mögliche Schäden an Ölanlagen und Infrastruktur, die schwierige Wiederinbetriebnahme stillgelegter Förderanlagen, Minen in der Straße von Hormus und hohe Versicherungskosten. Hinzu kommt die Logistik: Tanker sind nicht zwangsläufig dort, wo sie gebraucht werden; Routen und Personal müssen erst neu geplant werden.
Leere Öllager stützen die Nachfrage
Doch selbst in einem Best-Case-Szenario, wonach die Ölproduktion in der Region rasch hochgefahren werden kann und die Passage der Straße von Hormus bald wieder problemlos möglich ist, bestehen Aufwärtsrisiken für den Ölpreis. Und die liegen auf der Nachfrageseite.
Denn der Iran-Krieg hat die weltweiten Lagerbestände im Rekordtempo schrumpfen lassen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) sanken sie bis zum 12. Juni um 252 Millionen Barrel; allein in den OECD-Staaten wurden 163 Millionen Barrel entnommen. Regierungen hatten so versucht, fehlende Rohöllieferungen aus der Golfregion auszugleichen. Nur deshalb waren die Preise nicht noch stärker gestiegen.
Reisesaison erhöht Ölbedarf
Doch diese Lager müssen nun wieder aufgefüllt werden. Rohstoffexpertin Ngyuen rechnet daher mit einer höheren Nachfrage als vor dem Krieg. Zugleich laufe die nachfrageintensive Reisesaison. Benzin, Diesel und Kerosin werden im Sommer besonders stark verbraucht.
Hinzu kommt: Einige Länder könnten nun sogar eher höhere Lagerbestände anstreben als vor dem Iran-Krieg, um für künftige Angebotsschocks besser vorbereitet zu sein. „Der Lagerbestandsaufbau wird deutlich länger vonstattengehen als der -abbau, den wir in den letzten Monaten gesehen haben“, ist Rohstoffanalyst Benedix überzeugt.
Banken senken Ölpreis-Prognosen
Trotz der anhaltenden Unsicherheiten haben die großen US-Investmentbanken ihre Ölpreis-Prognosen nach dem USA-Iran-Rahmenabkommen deutlich gesenkt. Goldman Sachs geht nun von einem Preis von 80 Dollar pro Fass Brent für das vierte Quartal aus.
Auch die Experten von Morgan Stanley sehen die Nordseesorte zum Jahresende bei 80 Dollar – 15 Dollar weniger als zuvor. Sie schätzen, dass bis September erst etwa die Hälfte der Produktionsausfälle wieder aufgeholt werden könnten, bis Dezember seien es rund 80 Prozent.
Citigroup ist dagegen deutlich optimistischer und rechnet mit 70 Dollar für das Fass Brent im vierten Quartal – allerdings unter der Annahme, dass die Handelsströme durch Hormus bereits Mitte oder Ende Juli wieder weitgehend normal laufen.
| Bank | neu | alt |
|---|---|---|
| Goldman Sachs | 80 $ | 90 $ |
| Morgan Stanley | 80 $ | 95 $ |
| Citigroup | 70 $ | 80 $ |
2027 könnte ein Öl-Überangebot entstehen
Mit Blick auf das kommende Jahr spricht vieles für Entspannung. Die IEA rechnet für 2027 mit einem deutlichen Angebotsüberschuss von knapp fünf Millionen Barrel pro Tag. Die weltweite Ölnachfrage dürfte demzufolge auf 105,3 Millionen Barrel pro Tag steigen, das Angebot aber auf rund 110 Millionen Barrel pro Tag.
Einige Produzenten könnten zudem versuchen, Einnahmeausfälle durch höhere Förderung auszugleichen. Commerzbank-Expertin Nguyen verweist dabei besonders auf die Vereinigten Arabischen Emirate und Iran: „Das sind so zwei Staaten, die dürften ihre Produktion deutlich steigern.“
Normalisierung könnte bis Ende 2027 dauern
Auch aus den USA könnte mehr Öl kommen. Die Zahl aktiver Ölbohrungen ist zuletzt gestiegen: Die US-Produktion liegt bei 13,8 Millionen Barrel pro Tag und damit nur knapp unter dem Rekordhoch.
Rohstoffexperte Benedix mahnt dennoch zur Geduld. Die Rückkehr zur Normalität sei ein mehrstufiger Prozess: „Es dürfte etwa zwei bis drei Monate dauern, bis sich die Logistikketten wieder normalisiert haben, dann weitere zwei bis drei Monate, bis alle Produktionsanlagen im Mittleren Osten ihre Arbeit aufgenommen haben.“ Bis sich alle Lagerbestände normalisiert hätten, könnte es sogar Ende 2027 werden.
Ölpreise dürften nicht mehr viel fallen
Das weitere Abwärtspotenzial für die Ölpreise scheint damit – jenseits kurzfristiger Ausschläge – begrenzt. Unterm Strich könnte eine Normalisierung der Angebots- und Nachfragesituation deutlich länger dauern, als es die aktuellen Preise signalisieren.
Kurzfristig verschaffen diese den Märkten und Volkswirtschaften weltweit allerdings eine willkommene Atempause. Sie sind zudem für viele Staaten eine Gelegenheit, die leeren Lager wieder aufzufüllen – und vielleicht auch die bisherigen Energiestrategien auf den Prüfstand zu stellen.

