Endlich zurück in der Kolonie„Gothic Remake“ ist hart und erfrischend unbequem

25 Jahre nach dem Original kehrt das Kult-Rollenspiel „Gothic“ runderneuert zurück auf den PC und die Konsolen. Das Remake sieht im Test von ntv.de nicht nur toll aus, sondern präsentiert sich auch spielerisch in Bestform.
Seine Ecken und Kanten und der bewusst raue, fast schon unfreundliche Ton machten das Rollenspiel aus dem Hause Piranha Bytes seinerzeit weltberühmt. Das Wichtigste deshalb direkt vorweg: Gothic spielt sich auch im Remake herrlich altmodisch und ist beileibe kein Wohlfühl-Ausflug für Schönwetter-Abenteurer.
Der namenlose Held wird sodann gleich zu Beginn in eine Strafkolonie geworfen, bekommt zur Begrüßung direkt eins auf die Nase und lernt schnell, dass hier jeder nur so freundlich ist, wie es ihm gerade nützt. Also, nichts wie raus hier! Wäre da nicht die magische Barriere, die wie eine scheinbar undurchdringliche Kuppel über der Kolonie liegt und alles in einem Wimpernschlag wegbrutzelt, das versucht sie zu durchbrechen.
Also heißt es, die Spielwelt zu erkunden, sich einen Namen bei den verschiedenen Fraktionen zu machen und Verbündete zu gewinnen. Klingt mühsam? Ist es auch. Und obendrein auch noch saugefährlich. Denn in den dichten Wäldern und hohen Gräsern tummelt sich allerhand großes und kleines Getier, das Helden, die allzu munter drauf los abenteuern, schneller den Garaus machen, als sie „Mist!“ rufen können.
From Zero to Hero
Alkimia Interactive hat hier ganze Arbeit geleistet und die finstere, unwirtliche Stimmung des Originals toll eingefangen. Gerade die ersten Stunden spielen sich gewollt zäh und lassen uns am eigenen Leib spüren, dass wir in dieser Welt ein absoluter Nobody sind, der sich von ganz unten hocharbeiten muss. Diese Härte und die Tatsache, dass sich das Leben in der Kolonie nicht um den Spieler, sondern um das pure Überleben und den eigenen Vorteil dreht, kann unerfahrene Rollenspieler anfangs abschrecken, macht aber einen großen Teil des Reizes an der Gothic-Formel aus.
Denn umso belohnender fühlt es sich an, wenn man einige Zeit, viele Fehltritte und noch mehr blaue Augen später endlich eine anständige Waffe in der Hand und ein paar Fähigkeitspunkte auf dem Konto hat. Bis es soweit ist, gilt es aber dutzende Gespräche zu führen, unzählige Gegenstände zu mopsen, kiloweise Waldbeeren zu pflücken, fleißig Quests zu erledigen und die detaillierte und bildhübsche Spielwelt zu erkunden.
Doch für Sightseeing bleibt nicht viel Zeit. Es gibt schließlich einiges zu tun, um zurück in die Freiheit und raus aus der tristen Kolonie zu gelangen. Wie man das anstellt, überlässt einem das Gothic Remake übrigens selbst. Man hat die freie Wahl, welcher der verschiedenen Fraktionen man sich anschließt, welche Quests man löst, welche Figuren man gegen sich aufbringt und welche man auf seine Seite holt. Wer mag, kann sogar selbst zum mächtigen Magier werden.
Dadurch wirkt die Spielwelt wahnsinnig glaubwürdig und lädt zum Experimentieren ein. Die meisten Charaktere haben Geschichten über Probleme, Wünsche und Hoffnungen auf Lager, mit denen wir uns sofort identifizieren können. Das Alte Lager wird von gierigen Erzbaronen kontrolliert, im Neuen Lager träumt man vom Ausbruch in die Freiheit und im Sumpf beten sich die Anhänger eines Kults fröhlich (und ein bisschen zugedröhnt) ihre ganz eigene Wahrheit zusammen. Dazwischen liegen dichte Wälder, finstere Höhlen, tiefe Minen und jede Menge weitere interessante Orte, die nur darauf warten, von neugierigen Helden entdeckt zu werden.
Die offene Welt und Entscheidungsfreiheit war eine der ganz großen Stärken des Originalspiels und auch das Remake setzt hier in seiner Neuinterpretation ein extrem detailverliebtes und vor allem unheimlich atmosphärisches Ausrufezeichen.
Leveln für Fortgeschrittene
Apropos Ausrufezeichen: Die gibt es in Gothic nach wie vor nicht. Also in schwebender Form, über Figuren. Auf komfortable Questmarkierungen verzichtet das Remake nämlich. Ebenso wie auf ein ausführliches Tutorial und eine Minimap. Wer wissen will, wo wichtige Orte liegen, muss zuhören, sich Wege merken oder eine (sündhaft teure) Karte kaufen. In dieser Welt wird einem, wie im echten Leben, nichts geschenkt.
Ähnlich sieht es beim Skillsystem aus. Anders als es im Open-World-Genre in Mode gekommen ist, werden neue Fähigkeiten nicht einfach in einem Menü mit praktischem Skill-Tree freigeschaltet, sondern bei Lehrern gelernt. Stärke, Geschick, Kampftalent, Schlösserknacken oder Jagdfertigkeiten kosten Lernpunkte, Erz und vor allem viel Geduld. Übrigens: Passt man nicht auf und verscherzt es sich mit einem Lehrmeister, kann es passieren, dass der die Lust daran verliert, sein Wissen mit uns zu teilen. Zwar sind genügend Trainer in der Spielwelt verstreut. Sie zu finden und ihr Vertrauen zu gewinnen ist aber, genau, mühsam.
Also alles Glanz und Gloria unter der magischen Kuppel? Leider nein. Ein Paar neue und alte Macken haben sich dann doch mit in die Kolonie geschlichen. So nagen die Kämpfe leider auch im Remake nicht nur an den Lebensbalken der Gegner, sondern auch an unserem Geduldsfaden. Viel zu oft ist nämlich nicht klar, wann Schläge einen Gegner treffen und wann nicht. Das ist deshalb besonders ärgerlich, weil unser Held gerade zu Beginn selbst nur wenige Hiebe einstecken kann. Dass einem das Spiel obendrein nur wenig darüber verrät, wie das Ausweichen und Blocken von Attacken funktioniert, hilft da nicht.
Stichpunkt Hilfe: Weil Minimap und Questmarker fehlen, ist man sehr darauf angewiesen, dass einem die Figuren und visuellen Marker in der Spielwelt genügend Hinweise auf wichtige Orte und Questgebiete geben. Wenn das klappt, fühlt es sich klasse an, weil man sich ernsthaft mit der Spielwelt und ihrem Terrain auseinandersetzt und dafür mit spannenden Entdeckungen belohnt wird. Nur tut es das eben nicht immer. Teils geben Charaktere nur recht vage Ortsangaben wie „außerhalb des Lagers“ von sich, was sich nach vielen Stunden des Suchens meist als genauso hilfreich herausstellt, wie es klingt. So kämpft man leider nicht nur mit der knüppelharten Welt, sondern viel zu oft auch mit den Spielmechaniken, die uns eigentlich dabei helfen sollten, uns in eben jener zu behaupten.
Kleinere technische Problemchen, sowie hier und da auftretende KI-Aussetzer sind zwar lästig, trüben das Abenteuer aber genauso wenig nachhaltig wie ein unnötig kompliziertes Schlossknacken-Minispiel. Unser Tipp: Bevor man ein Schloss anrührt, stets speichern und tief durchatmen. Für ein solch komplexes Rollenspiel sind das aber Kleinigkeiten und obendrein welche, die Alkimia Interactive mit Updates noch in den Griff bekommen kann.
Ein Spiel, sie zu knechten
Unterm Strich bekommt man mit dem Gothic Remake also ein Rollenspiel, das vor allem eines hat: Charakter. Wer ein bequemes Fantasy-Abenteuer zum Zurücklehnen erwartet, dürfte schnell genervt sein. Gothic ist nicht besonders einsteigerfreundlich, nicht immer fair und möchte ganz bewusst nicht „everybody’s darling“ sein. Für Fans des Originals und Rollenspiel-Puristen ist das eine gute Nachricht.
Die Kolonie ist auch 25 Jahre später kein Freizeitpark für Open-World-Touristen und im besten Sinne angenehm unbequem. Sie belohnt Geduld, Neugier und Experimentierfreudigkeit. Wer ihr eine Chance gibt, sich in die Mechaniken reinfuchst und den anfänglichen Frust überkommt, wird mit enormer spielerischer Freiheit und jede Menge toller Momente belohnt.