Erste Pressekonferenz in Winston Salem. DFB-Sportdirektor Rudi Völler macht den Auftakt. Der 66-Jährige räumt alle Debatten ab – und hat eine Warnung für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.
Gemeinhin wird Torjägern ja ein besonderes Gespür für die Geschehnisse auf dem Fußballplatz nachgesagt. Bei manchen endet das offenbar nicht an der Seitenlinie und lässt sich auf weitere Lebensbereiche ausweiten. So sitzt Rudi Völler als erster Vertreter des DFB-Tross in dem Presse-Hörsaal der Wake Forest University, um sich den Fragen der Journalistinnen und Journalisten zu stellen – und beweist das.
Wie ein emeritierter Professor spricht der 66-Jährige auch über das Thema, das eigentlich versucht wird, von der Nationalelf fernzuhalten: die Politik in den USA. Schließlich findet ebenda die größte Weltmeisterschaft der bisherigen Geschichte statt, gemeinsam mit Kanada und Mexiko. Bis zum Turnierauftakt sind es noch einige Tage, doch die ersten besorgniserregenden Schlagzeilen gibt es schon jetzt, noch bevor der Ball rollt.
Man muss nicht lange suchen: Da ist das Übernachtungsverbot für die iranische Nationalelf. Oder das Verbot für iranische Fans, in die USA einzureisen. Oder eben die Geschichte des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, der am Flughafen von Miami nicht durch die Grenzkontrolle kam, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht betreten darf und damit auch seinen WM-Auftritt verliert.
Der Blitzableiter
Auch Rudi Völler wird all diese Dinge gefragt. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das nicht die letzte Geschichte sein wird“, sagt er über das Einreiseverbot für Artan. So bitter dieses Bauchgefühl ist, doch auch hier täuscht den Torjäger sein Gespür wohl nicht. Er habe keine Angst, „irgendwelche politischen Fragen zu beantworten“, sagt Völler. Aber gerade im Fall des somalischen Schiedsrichters kenne er die Hintergründe nicht. Es sei nicht schön zu sehen, dass sich diese Themen rund um die WM abspielen.
Ähnlich sehen es wohl die Nagelmänner, wenn man den Worten Völlers glaubt. Er nimmt sie jedoch in Schutz, dass ihre Meinungen intern bleiben. Kapitän Joshua Kimmich hatte vor dem Turnier gesagt, die Spieler seien keine Experten, würden sich deshalb also vor allem nur zum Sportlichen äußern. Das bedeutet nicht, „dass wir nicht politisch interessiert sind“, erklärt Völler, „oder das nicht mitbekommen“. Aber: „Leider können wir diese Dinge nicht ändern.“
Generell ist es wie immer ein cleverer Schachzug des DFB, den Aufenthalt im WM-Trainingscamp mit Völler einzuleiten, dem Volkstribun in der Nationalelf. Es wird immer abwechslungsreich, wenn er sich äußert. Völler spricht auf der Pressekonferenz über die US-Fans während der WM 1994 („Die meisten haben die Regeln nicht verstanden“), über den Rasen in Winston Salem („Er braucht halt Wasser“) und die Ticketpreise („Gibt es keine zwei Meinungen“).
Seine Funktion ist aber eigentlich eine andere, er ist wie ein Blitzableiter für alle Debatten. Schon in Herzogenaurach, zum Auftakt der WM-Vorbereitung, saß er wie ein Leibwächter neben Bundestrainer Julian Nagelsmann, verteidigte ihn nach der unglücklichen Kommunikation rund um Manuel Neuer. Diesmal braucht Nagelsmann das gar nicht. Der Bundestrainer sei angespannt, aber auf positive Art, sagt Völler. Nagelsmann sei nun auch nicht mehr so unbedarft wie bei der Heim-Europameisterschaft vor zwei Jahren.
Es brennt – aber positiv
Und in diesem Tonfall wischt Völler auch die Bedenken weg, die nach den beiden letzten WM-Tests gegen Finnland (4:0) und die USA (2:1) geblieben sind. Beide Spiele wurden zwar gewonnen, euphorisierende Auftritte waren es zeitweise nicht. Man sei mit beiden Partien seriös umgegangen, sagt Völler. Aber klar, dem WM-Gastgeber habe man „zu viele Chancen“ gewährt, „immer am oberen Level zu spielen“. Auch das Pressing habe nicht richtig funktioniert. Aber: „Das wurde auch so besprochen.“
FIFA-Boss Infantino: „Wir übernehmen jetzt New York“
Mit der Erfahrung aus nun fünf WM-Turnieren (als Spieler, Teamchef und nun Sportdirektor) spricht er auch über die Stimmung im DFB-Team. In seinen Ausführungen wird deutlich: Es brennt an allen Ecken und Enden – selbstverständlich im positiven Sinne. Kimmich brenne auf das Turnier, Neuer sowieso und auch der Rest des WM-Kaders brenne schon. „Am liebsten würden die jetzt schon loslegen“, sagt Völler.
Doch bis dahin dauert es noch ein wenig. Erst am Samstag startet für das DFB-Team der WM-Auftakt gegen Curacao im texanischen Houston. Ein Erfolg gebe „zumindest eine gewisse Ruhe“, sagt Völler. „Wenn man gut startet, merkt man das sofort im Umgang mit den Sportlern und den Verantwortlichen im Trainingslager.“ Das sei wichtig, schließlich hängt man (im besten Fall) lange aufeinander.
Und doch endet er mit einer Warnung an das DFB-Team. Das Turnier sei so lange wie noch nie. „Es gilt für alle Nationen: Da kann es dich relativ schnell erwischen“, prophezeit Völler. Es sei keine Zeit für irgendeine Unbedarftheit, eine unnötige Gelb-Rote Karte oder eine Notbremse. „Wir müssen hoch konzentriert sein“, sagt Völler. Und das Gespür eines Torjägers täuscht ja bekanntlich nicht.
Verwendete Quelle: ntv.de
