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„Nieder mit dem Regime“: Terror, Krieg und Fußball kollidieren: Iran zerrissen im explosivsten Spiel der WM

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 16, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Proteste, Buh-Rufe, Jubel: Das erste WM-Spiel des Iran kommt äußerst hitzig daher und zeigt die Zerrissenheit der iranischen Diaspora. Selten prallen Fußball und Politik so explosiv aufeinander, Hass und Stolz sind sich ganz nah.

„Das Mullah-Team ist nicht unser Team“, skandiert die Vorsängerin. „Das Mullah-Team ist ein Terrorist. Die Revolutionsgarde ist ein Terrorist. Nieder mit dem terroristischen Regime der Islamischen Republik. Regimewechsel im Iran. Terroristen raus aus dem Iran!“

Zwei Stunden bevor die iranische Nationalelf mit einem abwechslungsreichen 2:2 (1:1) gegen Neuseeland in die WM in den USA, Kanada und Mexiko startet, versammeln sich vor dem SoFi Stadium in Los Angeles mehrere Dutzend Demonstranten und protestieren lautstark gegen die iranische Regierung. Und gegen die Nationalelf, die sie als einen verlängerten Arm der Revolutionsgarde ansehen, die die USA und die EU als terroristische Vereinigung einstufen. Fußball, Krieg und Terror kollidieren an diesem Abend auf seltenste Art und Weise.

„Das ist nicht unser Team“, erklärt Payam, iranischer Amerikaner und einer der Anführer der Demonstration gegenüber ntv.de. „Das ist nicht ‚Team Melli'“, wie die Nationalmannschaft auf Persisch genannt wird. „Es wurde von der terroristischen Revolutionsgarde aufgestellt und repräsentiert nicht das iranische Volk.“

„Die haben mich bedroht“

Von der FIFA wollen er und seine Mitstreiter, dass das iranische Team von der WM ausgeschlossen wird, weil das barbarische Mullah-Regime sich mit der Mannschaft vor der Weltöffentlichkeit reinwaschen wolle.

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Doch die iranische Nationalelf betritt den Rasen – und im Stadion ist die Explosivität in diesem Spiel der Gegensätze ebenfalls sofort spür-, sicht- und hörbar. Vor den Augen von FIFA-Präsident Gianni Infantino hallen laute Buhrufe die gesamte iranische Nationalhymne über durchs Rund, viele Iraner im Publikum drehen sich demonstrativ um. Bei den Spielervorstellungen gibt es sowohl Applaus als auch Pfiffe und Mittelfinger von vereinzelten Zuschauern.

Es wird immer hitziger, auch Regimegegner, die an ihren Widerstandsfahnen mit Löwe und Sonne zu erkennen sind, und pro-iranische Fans beschimpfen sich auf den Rängen. Zwei Frauen, die unweit voneinander sitzen, aber gegensätzliche politische Meinungen haben, filmen sich gegenseitig, machen sich Vorwürfe. „Ich fühle mich unsicher“, sagt die eine zu ntv.de. „Die haben mich bedroht“, erwidert die andere. Symbole und Anhänger der Islamischen Republik sind aber deutlich in der Unterzahl.

Trump soll „die Sache zu Ende bringen“

Auch vor dem Stadion ist die Lage während der Demonstration reizbar. Über ein Megafon werden Vorbeilaufende, die Trikots und Shirts mit der aktuellen Flagge Irans tragen, der der islamischen Republik, verbal attackiert: „Verschwinde aus dem Land“, schallt es und alle Protestler rufen im Chor: „Schäm dich! Terrorist, Terrorist.“ Später gerät eine kleine Gruppe von Pro-Iran-Demonstranten mit Regime-Gegner aneinander, Schimpftiraden werden ausgetauscht.

Dass Donald Trump und der Iran nun einen Friedensvertrag unterschreiben wollen, ärgert den Protestanführer Payam. „Was für ein Friedens-Deal? Das iranische Regime ist ein Terroristenregime – und momentan ein verletztes Wesen. Es wird zurückbeißen. Und die ersten, die verletzt werden, ist das iranische Volk.“ Wenn die Revolutionsgarde erstmal weg sei, könne die Region in Frieden leben, meint der Protestler.

Das harte Vorgehen gegen Proteste im Iran im Januar, bei dem laut Menschenrechtsgruppen Tausende – möglicherweise sogar Zehntausende – ums Leben kamen, empört Payam besonders. „Momentan sperrt die Revolutionsgarde immer noch Menschen ein, foltert und tötet sie.“ Die Demonstrierenden skandieren dementsprechend: „Trump, bring die Sache zu Ende.“

Zerrissenheit der iranischen Fans

Schließlich geht es auch sportlich wild hin und her, dafür sorgt nicht zuletzt ein Spiel mit vielen Fehlern und Highlights. „Iran, Iran, Iran“, schallt es nach fünf Minuten durchs Rund. Ohrenbetäubender Lärm begleitet jegliche iranische Chance. Beim iranischen 1:1 durch Ramin Rezaeian (32.) fliegt im hochmodernen Stadion beinahe die riesige Videoleinwand von der Decke. Es fliegen auch etliche Löwen-Fahnen hoch und deren Halter springen freudig auf, manch Regimegegner bleibt aber auch sitzen und verschränkt die Arme. Beim frühen 1:0 von Neuseeland durch Elijah Just (7.) jubeln ebenfalls etliche Widerstandsanhänger.

Das toll herausgespielte 2:1 (wieder Just, 55.) kurz nach der Pause drückt die Stimmung kaum. Bald sind schon wieder „Iran“-Rufe zu hören, die La Ola schwappt durchs Stadion. Als Mohammad Mohbei nur neun Minuten später per Kopf den Ausgleich herstellt, erreicht der Dezibellevel das Hoch des Abends.

Die Situationen zeigen, wie zerrissen einige iranische Fans in der riesigen Diaspora von Los Angeles, der größten weltweit, durchaus sind: Sollen sie dem Team zujubeln? Unterstützen sie damit das Regime? Können sie ihre Liebe zum Fußball und ihre Unterstützung für das iranische Volk – nicht aber für die Regierung – zum Ausdruck bringen?

„Wir spielen für jeden Iraner, sei es in der Diaspora oder im Iran. Die Menschen haben unterschiedliche Meinungen, aber wir sind hier, um die Menschen zu vereinen, und wir werden versuchen, allen Iranern Freude zu bereiten, wo auch immer sie leben“, sagte Mannschaftskapitän Mehdi Taremi dazu auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. „Wir sind hier, um dem iranischen Volk Freude zu bereiten. Wir mischen uns nicht in die Politik ein. Wir sind hier, um Fußball zu spielen.“

Iranischer Fußball unter Regime-Druck?

Bei der WM 2022 in Katar hatte sich die iranische Diaspora hinter ihre Nationalmannschaft gestellt, die während ihres ersten Spiels schweigend dastand und die Nationalhymne nicht sang. In den nächsten Spielen sang das Team aber wieder, mutmaßlich weil es Druck seitens der Regierung gegeben hatte.

Auch der jetzigen Mannschaft wurde wohl unmissverständlich klargemacht, dass selbst der geringste Anflug von Protest vom Regime brutal bestraft werden wird. In der Vergangenheit mussten iranische Sportler für ihre kritischen Äußerungen bereits schwerwiegende Konsequenzen tragen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaft befindet sich ein Gastgeberland im Krieg mit einem der teilnehmenden Länder, auch wenn eine Einigung zur Beendigung des Konflikts plötzlich in greifbare Nähe gerückt ist. Der Krieg ging weit über den Einsatz von Bomben und Raketen hinaus, die WM wurde zum erweiterten Soft-Power-Kampfgebiet: Visumsverzögerungen, Einreisebeschränkungen und Reiseverbote trafen die iranische Nationalmannschaft hart.

Vater und Tochter gingen zum Iran-Spiel, halten es aber nicht mit dem iranischen Regime. (Foto: David Bedürftig)

Protest im DFB-Trikot

Fußball und Politik könne man nicht trennen, sagt Protestanführer Payam, und deshalb werde die Gruppe nicht ins Stadion gehen, sondern auch das Spiel über davor protestieren. „Wir dürfen nicht still bleiben!“

Ein paar Meter abseits von der großen Demo beobachtet ein Vater mit seiner pubertären Tochter das Geschehen. Er trägt ein Iran-Trikot, auf dem er die Nationalflagge überklebt hat und erzählt, er sei früher einmal professioneller Schwimmer gewesen und könne deshalb den Druck verstehen, unter dem das iranische Team sowohl vonseiten des Regimes als auch von der Diaspora leide.

Seine Tochter trägt ein Deutschland-Trikot von der WM 1990, dem ersten Turnier, an das der Vater sich erinnert. „Ich protestiere auch damit“, sagt sie stolz.

Verwendete Quelle: ntv.de

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