Europamagazin
Überfüllte Parkplätze, Wohnmobile auf Äckern, Müll am Straßenrand: Die Lofoten ächzen seit Jahren unter zu vielen Touristen. Eine Tourismusabgabe soll Abhilfe schaffen – doch nicht alle halten die Gebühr für zielführend.
Wenn Bauer Anders Nilsen im Sommer zu seinem Acker fährt, hat er jedes Mal einen Gedanken: Stehen meine Pflanzen noch, oder sind sie wieder mal durch Wohnmobile plattgemacht worden?
Sein Acker liegt direkt gegenüber von einem beliebten Strand auf den Lofoten: „Wenn ich kein Schild vor die Zufahrt hänge, stehen plötzlich 100 oder 200 Wohnwagen auf meinem Feld. Die Leute glauben, die Fläche werde nicht genutzt. Dann fahren sie einfach drauf und campen. Dabei zerstören sie das Futter für unsere Tiere.“
Zu viele Wohnmobile: Auf den Lofoten ist der Ärger über den wachsenden Tourismus groß.
„Früher kamen nur ein paar deutsche Touristen“
Kaum eine Region steht so sehr für den Touristen-Boom wie die Lofoten. Mehr als eine Million Besucher kommen inzwischen jedes Jahr auf die Inselgruppe – bei gerade einmal rund 25.000 Einwohnern. Besonders in den Sommermonaten geraten Straßen, Parkplätze und Wanderwege regelmäßig an ihre Grenzen.
An heißen Sommertagen komme es regelmäßig zu chaotischen Zuständen vor seinen Feldern, sagt Bauer Nilsen. Wohnmobile stauten sich auf den schmalen Straßen, Autos blockierten Ausweichstellen. „Früher kamen hier nur ein paar deutsche Touristen. Heute kommen die Menschen aus der ganzen Welt.“
Kein Durchkommen: Im Sommer wollen so viele Menschen die Natur auf den Lofoten erleben, dass es auf den Straßen und Parkplätzen zu eng wird.
Gemeinden forderten jahrelang eine Lösung
Dass die Kommunen nun eine Tourismusabgabe erheben dürfen, ist das Ergebnis einer langen politischen Debatte. Nach jahrelangen Diskussionen hat das norwegische Parlament in diesem Jahr ein Gesetz dazu verabschiedet.
Es erlaubt besonders stark vom Tourismus betroffenen Kommunen, eine Tourismusabgabe einzuführen. Bis zu drei Prozent des Übernachtungspreises können sie zusätzlich verlangen.
Landwirt Anders Nilsen hat es schon erlebt, dass Wohnwagen auf seinem Acker stehen und die Pflanzen zerstören.
„Wir werden mehr Toiletten bauen“
Erhoben wird der Betrag aber vermutlich erst ab Januar 2027, denn die Kommunen müssen Konzepte erarbeiten, um nachzuweisen, dass die Einnahmen ausschließlich in touristische Infrastruktur fließen.
Für viele Kommunen auf den Lofoten ist das ein wichtiger Schritt. Bislang mussten sie einen Großteil dieser Ausgaben aus ihren eigenen Haushalten stemmen. In der Kommune Vågan wurden erst kürzlich zusätzliche Toiletten an beliebten Wanderwegen aufgestellt.
Weitere Investitionen sollen dank der Touristensteuer folgen, erzählt die stellvertretende Bürgermeisterin Marit Olsen: „Wir werden mehr Toiletten bauen. Außerdem wollen wir weitere Wanderwege anlegen und Parkplätze schaffen, damit sowohl Touristen als auch Einheimische genügend Platz haben.“
Nur ein Schild kann Wildcamper davon abhalten, ihre Wagen auf den Äckern zu parken.
Hotelgäste zahlen – Wildcamper zunächst nicht
Ganz unumstritten ist die Reform allerdings nicht. Die Tourismusabgabe gilt zunächst nur für bezahlte Übernachtungen, etwa in Hotels, Ferienwohnungen oder auf Campingplätzen. Wer dagegen mit dem Wohnmobil kostenlos auf Parkplätzen übernachtet oder wild zeltet, muss die Abgabe zunächst nicht bezahlen.
Gerade darin sehen viele Kommunen eine Schwäche des Gesetzes. Denn insbesondere Wohnmobile und Wildcamper verursachten vielerorts hohe Belastungen, ohne dass sie sich an den Kosten beteiligten.
Auch Teile der Hotelbranche sehen die neue Regelung kritisch. Sie befürchten Wettbewerbsnachteile, weil ausgerechnet die Gäste belastet werden, die bereits reguläre Unterkünfte buchen und damit ohnehin Geld in den Regionen ausgeben.
Zwischen Gastfreundschaft und Überforderung
Dabei profitiert die Region wirtschaftlich erheblich vom Tourismus. Hotels, Restaurants und Anbieter von Outdoor-Aktivitäten leben von den Gästen. Auch Hotelbesitzer Ola Skjeseth begrüßt deshalb grundsätzlich Besucher aus aller Welt. Seine Ferienunterkünfte entstanden aus ehemaligen Fischerhütten.
„Wir auf den Lofoten haben gelernt, gute Gastgeber zu sein“, sagt er. Doch inzwischen seien die Besucherzahlen so stark gestiegen, dass die Infrastruktur nicht mehr mithalten könne. „Wer diesen exklusiven und schönen Ort erleben möchte, soll deshalb ruhig einen Beitrag zahlen.“
Streit um das Jedermannsrecht
Für viele Einheimische geht es längst nicht mehr nur ums Geld. Sie beobachten, dass manche Besucher das norwegische Jedermannsrecht missverstehen. Das erlaubt grundsätzlich, sich frei in der Natur zu bewegen und unter bestimmten Bedingungen zu zelten, verpflichtet aber gleichzeitig zu Rücksicht auf Natur und Eigentum.
„Viele Touristen kennen auf Norwegisch kaum ein Wort. Aber das Jedermannsrecht kennen sie alle“, sagt Bauer Anders Nilsen. „Sie glauben, dieses Recht erlaube ihnen alles. Dabei war es nie dafür gedacht, dass Touristen überall machen können, was sie wollen.“
Mit der neuen Tourismusabgabe hofft Norwegen nun, den Spagat zwischen wachsendem Tourismus und dem Schutz seiner Natur besser zu bewältigen. Ob das gelingt, dürfte sich in den kommenden Sommern zeigen.
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