589 Tote sind nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela geborgen worden. Tausende werden noch vermisst. Für die Suche nach ihnen trifft immer mehr internationale Hilfe ein – auch aus Deutschland.
Nach den schweren Erdbeben in Venezuela werden immer mehr Tote geborgen. Bis Donnerstagabend Ortszeit wurden nach Regierungsangaben 589 Todesopfer gezählt. Auf einer von der Opposition geteilten Website zur Suche nach Vermissten wurden fast 49.500 Menschen als unauffindbar gemeldet. Auch unter den Trümmern werden noch Opfer vermutet. Mindestens 4.300 Menschen wurden verletzt.
Vielerorts kommt es zu dramatischen Szenen: Menschen hören Hilfeschreie aus den Trümmern eingestürzter Gebäude – doch helfen können sie nicht. Es fehlt an schwerem Gerät und ausgebildeten Kräften.
Genau dafür schicken mehrere Länder Hilfe. Etwa 160 Rettungskräfte aus der Schweiz und Mexiko landeten nach Berichten des venezolanischen Fernsehens auf einem Militärflugplatz nahe Caracas.
Erster Hilfsflug aus Deutschland auf dem Weg
Auch Deutschland entsendet Hilfe: Vom Fliegerhorst Wunstorf in Niedersachsen startete am Morgen eine erste Militärmaschine mit Material, Soldaten und Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks (THW). Drei weitere Bundeswehrflugzeuge sollen im Laufe des Tages folgen – darunter eines, das auf den Transport von Verletzten ausgelegt ist.
Von Wunstorf in Niedersachsen sollen heute insgesamt vier Maschinen mit Hilfsgütern und Einsatzkräften starten.
Damit sollen bis zu 80 Helfer, vor allem vom THW, und gut 30 Tonnen Material in das südamerikanische Land gebracht werden, erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Dazu zählen unter anderem Wasserfilter, Feldbetten, Zelte und Generatoren. Das THW erklärte, ein 48-köpfiges Team einer auf Erdbebeneinsätze spezialisierten Bergungseinheit sei ebenfalls auf dem Weg. Mit an Bord seien auch vier Suchhundeteams.
Die Lage in Venezuela sei noch sehr unübersichtlich, sagte der THW-Teamleiter des deutschen Einsatzes, Peter Benz. „Wir lesen natürlich auch die Newsticker und versuchen, uns aus den Puzzlesteinen ein Bild zusammenzusetzen.“ Dabei würden auch Kontakte vor Ort helfen. „Aber wir werden sicherlich mit ganz, ganz viel Zerstörung und ganz viel Leid konfrontiert sein.“ Auch Jonas Brenner von Caritas International sprach bei tagesschau24 von einer unübersichtlichen Lage, das Land sei in einer Art „Schockzustand“.
Hoffnung auf Überlebende – auch nach über 100 Stunden
Die Einsatzkräfte haben neben Suchhunden auch technisches Material wie Mikrofone und Kameras dabei, um Verschüttete zu lokalisieren. Die Erfahrung zeige, dass auch „nach 100, 120, 150 Stunden“ immer noch überraschend Menschen lebendig aus den Trümmern gerettet würden, sagte Benz.
Auch aus den Niederlanden brach eine Such- und Rettungseinheit mit 65 Mitgliedern und acht Spürhunden nach Venezuela auf. Die US-Armee kündigte die Entsendung von Kriegsschiffen, Flugzeugen und Hubschraubern zur Unterstützung an. Das US-Außenministerium sagte eine Nothilfe in Höhe von 150 Millionen Dollar (rund 132 Millionen Euro) zu.
Die Hilfe wird dringend benötigt. Im Bundesstaat La Guaira ist die Lage besonders dramatisch. Dort sind nach Angaben des venezolanischen Innenministers Diosdado Cabello mehr als 70.000 Familien von den Folgen der Erdbeben betroffen.
Auf Fernsehbildern waren meterhohe Schutthaufen zu sehen, in denen Menschen teils mit bloßen Händen nach ihren Angehörigen suchten. Vereinzelt wurden aber auch immer wieder Verletzte aus den Trümmern gezogen.
Ein reiches Land – mit verarmter Bevölkerung
Das Land befand sich schon vor der Erdbebenkatastrophe in einer prekären Lage. Trotz der größten bekannten Erdölreserven der Welt – deren Verwertung allerdings technisch komplex und kostspielig ist – leben viele Menschen in Armut. Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung funktionieren vielerorts nur eingeschränkt.
Tankred Stöbe, Notfallmediziner bei Ärzte ohne Grenzen, bezeichnete das Gesundheitssystem bei tagesschau24 als „eine zweite Katastrophe“. „Es fehlt an Ärzten, Pflegenden, aber eben auch an einer Grundausstattung dieser Krankenhäuser, die für dieses Desaster überhaupt nicht vorbereitet ist“, erklärte er.
Auch politisch erlebt Venezuela unruhige Zeiten. Im Januar hatte das US-Militär den langjährigen Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht. Seine vorherige Stellvertreterin Delcy Rodríguez ist seither geschäftsführend im Amt.
